Donnerstag, 2. Januar 2014

Die vielen Gesichter des Michel Gondry



Text: Rainer Kienböck

2013 wird der Filmindustrie als Jahr der floppenden Blockbuster in Erinnerung bleiben. Persönlich, habe ich es als Jahr sehr hoher Qualität empfunden und viele interessante Entdeckungen gemacht. Wichtiger Teil dieser Entdeckungen war das Trio an Michel Gondry-Filmen, die in den letzten eineinhalb Jahren Premiere gefeiert haben, und die 2013 schließlich ihren Weg in den regulären Verleih gefunden haben. Alle drei haben sie das Kinojahr auf ihre eigene Art und Weise mit Abwechslung und Charme bereichert.


Mein persönliches Gondry-Filmjahr begann vor etwas mehr als einem halben Jahr, als ich auf „The We and the I“ stieß. Es war eine zufällige Entdeckung, und ich war erstaunt, dass ich in den Monaten davor nichts von diesem Film gehört habe. Genau genommen feierte der Film seine Premiere bereits 2012 in Cannes, aber wie so oft, dauerte es über ein Jahr bis zum regulären Kinostart.„The We and the I“ ist eine Art von Film die wir bisher von Gondry noch nicht gesehen haben. Der Film spielt sich fast vollständig in einem Schulbus ab, der am letzten Schultag des Jahres durch den New Yorker Stadtteil Bronx fährt. Der Großteil der Charaktere ist afro-amerikanisch oder gehört einer anderen ethnischen Minderheit an.Wendet sich Gondry dem sozialrealistischen Milieustudium zu? Mitunter scheint es fast so. Die Probleme der Teenager werden ernsthafter aufgearbeitet als in publikumswirksameren Filmen ähnlichen Formats, ohne dabei brachial politisch zu wirken. In erster Linie geht es hier um das Leben von angehenden Erwachsenen und nicht um die Probleme von einzelnen Bevölkerungsschichten. Das macht den Film auf den ersten Anhieb sympathisch und nicht so träge wie vergleichbare Werke. Der Franzose Gondry schafft es auch eindrucksvoll die Sprache der New Yorker Jugend einzufangen. Jugendsprache wirkt in vergleichbaren Filmen oft aufgesetzt, aber in diesem Fall haben die Drehbuchautoren entweder sehr gut recherchiert oder auf die Expertise ihrer Schauspieler vertraut – die Dialoge sind nie zum Fremdschämen.Nichtsdestotrotz, ist „The We and the I“ meines Erachtens der schwächste Film des Trios. Konfrontationen auf engem Raum bieten fruchtbaren Nährboden für Konflikte, man ist aber nunmal räumlich begrenzt, und diese Begrenzung um der Begrenzung willen ist im Film deutlich spürbar. Zu oft wirken Situationen konstruiert und die Authentizität der Sprache wird durch diese Künstlichkeit zunichte gemacht. Außerdem finde ich es persönlich sehr schade, dass solch ein visuell kreativer Regisseur wie Michel Gondry sich an solch einem Film versucht, der so gar nicht seine eigentlichen Stärken unterstreicht. Selten aber doch lassen sich Funken seines Esprits nicht unterdrücken und Gondrys Kreativität sprüht hervor, aber gerade dann wirkt sie leider oft fehl am Platz und passt nicht zum Ton des restlichen Films.
 

Die visuelle Kreativität die „The We and the I“ fehlt, hat „L’Écume des Jours“ im Übermaß. Hier wähnt man sich in der fabelhaften Welt von „La Science des rêves“, einer Welt voller Stop-Motion-Animation und hippen, farbenfrohen Sets. Der Film basiert auf einem französischen Roman und erzählt von einem wohlhabenden Erfinder namens Colin, der mit seinem Koch Nicolas und einer Art Haustier-Maus (die von einem kostümierten, geschrumpften Schauspieler verkörpert wird) in einem schicken Apartment in Paris lebt. Er verliebt sich in Chloé und heiratet sie nach kurzer Zeit. Aber Chloé entwickelt eine seltene Krankheit, die nur zu behandeln ist, indem man sie mit Blumen umgibt. Diese verwelken in rasanter Geschwindigkeit und geben dabei ihre Lebenskraft an die Patientin ab (oder so ähnlich). Nach und nach erschöpfen die teuren Blumenbouquets Colins finanzielle Mittel und seine Welt wird immer trister. Auch stilistisch wird dies deutlich – die Farben im Film ergrauen immer mehr, und die anfangs überbordende Phantastik des filmischen Raums weicht eintöniger Tristesse. Alles in allem, haben wir es hier mit einem sehr surrealistischen Versuch einer Liebesgeschichte zu tun, in der die bezaubernde Audrey Tautou und der bemühte Romain Duris (in einer wunderbaren Ewan McGregor-Rolle) gegen Windmühlen ankämpfen – gigantischen fantastischen Windmühlen. Gondrys Fantasie entpuppt sich hier als Stolperstein für die filmische Erzählung. Zwar bietet er einen echten Augenschmaus, aber vor lauter spaßigen Animationen und tollen Designs vergisst er ein wenig seine Geschichte zu erzählen. So entwickelt sich der Film zum Einheitsbrei aus Attraktionen und schon bald ist man so übersättigt wie von gebrannten Mandeln am Jahrmarkt. Eigentlich schade, denn so ist „L’Écume des Jours“ wie auch schon „La Science des rêves“ ein großes Versprechen, dass jedoch nie ganz erfüllen kann was es an Potenzial offenbart. Dennoch ist es mein Lieblings-Gondry des Jahres 2013, und sicherlich einer der kreativsten Filme des Jahres.


Vielleicht noch persönlicher als „L’Écume des Jours“ ist Gondrys letzter Film des Jahres: „Is the Man Who Is Tall Happy?: An Animated Conversation with Noam Chomsky“ ist ein sperriger wie selbsterklärender Filmtitel. Es handelt sich hier in der Tat um ein Interview Gondrys mit dem amerikanischen Linguisten und Philosophen Noam Chomsky, dass er eigenhändig mit Animationen unterlegt. Ein großartiges Konzept, und anders als alles was ich bisher gesehen habe (am ehesten vielleicht noch mit Ari Folmans „Waltz with Bashir“ zu vergleichen), ist der Film vor allem eine Selbstreflexion Gondrys auf sich und seine Kunst. Gondry hat eine starke persönliche Verbindung zu Chomskys Arbeiten, und hat sich augenscheinlich mit dessen Theorien zur frühkindlichen Sprachentwicklung und auch seinen politischen Aktivitäten auseinandergesetzt. Der vielleichte interessantere Aspekt ist aber der Entstehungsprozess dieses Solo-Projekts, der immer wieder angesprochen wird. Gondry gibt mehrmals offen zu, dass er aus Zeitmangel oder fehlender Inspiration alte Animationen recycelt und welche Mühe ihm die philosophischen Diskussionen auf Englisch, einer Fremdsprache, machen. Mehr als drei Jahre lang hat es gedauert diesen Film fertig zu stellen, und Gondry erwähnt mehrmals, dass er versucht hat ihn fertigzustellen bevor der mittlerweile 85-jährige Chomsky verstirbt. Soviel Ehrlichkeit verdient Anerkennung, soviel Herzblut verdient Respekt, und auch wenn „L’Écume des Jours“ mein Lieblings-2013-Gondry ist, wird mir wohl „Is the Man Who Is Tall Happy?“ länger im Gedächtnis bleiben, und auf lange Sicht gesehen einen prominenteren Platz in einer Wertung seines Oeuvres einnehmen.
 

2013 war also ein turbulentes Jahr für Gondry, und auch wenn kein echtes Meisterwerk unter seinen drei Filmen dabei war, bleibt er für mich einer jener Regisseure, deren neueste Filme automatisch auf meine „Watchlist“ wandern. Gondry ist einer der kreativsten Köpfe im modernen Kino und bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Mainstream und Indie. Ein Visionär der nicht auf effektvolles Spektakel verzichten will, aber dafür nicht ausschließlich auf die Hilfe von Computern zurückgreift. Das gibt seinen Filmen einen Hauch von Nostalgie und vor allem sehr viel Charme.

Trailer

The We and the I


L'Écume des Jours



„Is the Man Who Is Tall Happy?: An Animated Conversation with Noam Chomsky“


 
 

Kommentare:

  1. Stimmt - dafür, dass er mit "Eternal Sunhine of a Spotless Mind" einen meiner Lieblinugsfilme geschaffen hat, bin auch ich überrascht, dass man/ich von seinen Filmen der vergangenen Jahre so wenig gehört hat/habe. ;) Großartiger Beitrag ... und schöner Blog insgesamt!

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  2. Danke! Wenn ich mich richtig erinnere war deine DVD von "Eternal Sunshine" sogar mein erster Gondry... so schließt sich der Kreis :)

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