Samstag, 28. September 2013

How To Disappear Completely von Raya Martin



Komm schon liebes Kino, lass uns eine bunte Tablette schlucken, miteinander schlafen und verschwinden. Lass mich die Welt neu sehen, lass sie mich neu erleben. Zu elektronischen Beats treiben Geister und Skateboarder ihr Unwesen im philippinischen Urwald; unscharfe Figuren torkeln durch Zeitlupensequenzen und dauernder, umgestellter Regen lässt die hypnotischen Bilder dampfen. Lass uns im Regen tanzen, durch die ganze Nacht. In einer dolanesquen Geistergeschichte, die den Horror durch Film erzählt statt mit Film Horror zu erschaffen, bedient „How to disappear completely“ auch das Repertoire eines Apichatpong Weerasethakul samt Volkssagen und dem Bruch mit der vierten Wand, die hier sowieso nur zum Dubstep von Eyedress vibrieren würde. In nie gesehenen assoziativen Strömen fängt Raya Martin das Gefühl von einer kindlichen Bedrohung, vom Albtraum der Kinder auf; es ist eine Wahnvorstellung, die sich am Ende gegen sich selbst verkehrt. Ganz so wie, wenn die Skateboardgang am Friedhof Kreuze zerschlägt und dann kleine Mädchen jagt und damit die Stätte des letzten Friedens zu einem Ort jugendlicher Anarchie verkommen lässt, werden auch die Kinder, die Opfer des Blicks und ihrer Eltern sind zu grausamen Tätern; sie verbünden sich mit ihren Ängsten und erschießen eine ganze Generation. 

Warum? Wegen des Gefühls. Das ist zumindest, was im Film zu hören ist. 


Ein Hinterkopf und dröhnende Wellen. Langsam eröffnet sich in der Tiefe des Bildes der Ozean. Und dann sind plötzlich alle Kinder weg. Es ist ein verstörender Film über einen Generationswechsel, ein Schrei nach einer neuen Form des Kinoerzählens. Inspiriert vom amerikanischen Indie-Horror zaubert Martin Stimmungen auf sein Trance-Tablett, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Improvisation und Bewegung, Horror und Drama, Mutter und Tochter, alles vereinigt sich hier; ein inzestuöser Hauch fegt über die kargen Gesichter eines brillanten Casts; überall sind Puppen, die in die Kamera blicken. Martin lässt mich das Denken vergessen, ich nehme noch eine Tablette. 

Film ist das Gefühl von Horror. Film ist das Gefühl. Film ist. Film. 


Natürlich geht Martin am Ende über die Schmerzgrenze, er verliert fast seinen Geschmack. Man schmeckt nichts mehr, wenn man so lange durch die Nacht getanzt hat. In Flammen erscheint der Titel kurz vor Ende des Films auf der Leinwand; der Film brennt. Die zirpenden Grillen des Urwaldes werden auf der Tonebene zu kreischenden Monstern, isolierter Bass drückt das Herz in eine unbekannte Zone, ein Zeh kratz über einen Unterschenkel. Dunkelheit und Licht werfen schon auf dem Zimmerboden der Protagonistin gefährliche Schatten auf die Familie. In einer langen Szene sieht man das Mädchen von hinten am Essenstisch während links und rechts von ihr in der Unschärfe Mutter und Vater beginnen zu streiten. Martin arbeitet mit einer Entfremdung und der surreale „Lost Highway“ transzendierende Horror ist sein unsichtbarer Umhang, der alles Drama hinter einer Maske des Grauens versteckt. Wie eine Welle, die ganze Landstriche unter Wasser setzt, blicken nur noch kleine Hügel heraus. Woher hast du diese Tablette liebes Kino? 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen