Freitag, 31. Mai 2013

The Immigrant von James Gray



Wer das Kino von James Gray kennt, der weiß eigentlich ziemlich genau, was es zu erwarten gibt in seinem “The Immigrant”. Die Emotionen schwimmen nur Millimeter unter der Oberfläche und die Handlung ist tief verwurzelt in klassischen amerikanischen Genres der 50er Jahre. Wie in seinem „Two Lovers“ verhalten sich die Protagonisten seltsam naiv, werden zum Teil überschwemmt von ihren eigenen Gefühlen und können nichts kontrollieren. Mit modernem Kino hat das herzlich wenig zu tun, es stellt sich nur die Frage, ob man Grays Filme als Neuinterpretation alter Geschichten, als pure Nostalgie oder als billige Realitätsverklärung lesen möchte.  Dieses Mal wagt sich Gray an die Geschichte einer polnischen Einwanderin, gespielt von einer immer gleich unschuldig dreinblickenden Marion Cotillard, die ins New York der 20er Jahre kommt. Dort trifft sie auf einen merkwürdig hilfsbereiten Mann, verkörpert von einem überraschend zurückhaltenden Joaquin Phoenix, der sie recht bald dazu bringt ihren Körper zu verkaufen. Im weiteren Verlauf entwickelt sich der Plot hin zu einem fast schon penetrant konsequenten Melodram, indem eine Dreiecksgeschichte, das Zerbrechen an der eigenen Familie und vor allem der American Dream zu keiner Sekunde fehlen darf.  
 

Dabei sieht der Film tatsächlich aus wie Meilensteine des amerikanischen Immigranten-Kinos, etwa Sergio Leones „Once Upon a Time in America“. Gray fährt eine unheimlich sensible in orange-schwarze Kontraste getaufte Lichtstimmung auf, die einen mitten in die 20er Jahre werfen und gleichzeitig, die Stimmung der Protagonistin, gefangen zwischen zwei Welten, zwischen zwei Männern greifbar macht. Die technischen Departments scheinen wie schon in „We Own the Night“ der Star zu sein. Auf der Suche nach sowas wie einem amerikanischen Wesen im Kino, das sich nicht globalisierten Marktphänomenen unterworfen hat, wird man bei Gray sicherlich fündig. Die Frage nach dem Sinn einer derart unreflektierten Gefühlsorgie sei dennoch gestellt. Weder wirft der Film einen neuen Blick auf das Genre, noch erreicht er irgendeine Form von Meisterschaft in der Darstellung bekannter Thematiken. Hatte gerade „We Own the Night“ noch einige beeindruckende Szenen, wie eine großartig verzögerte Autoverfolgungsjagd im Regen, so gehen „The Immigrant“ solche Momente fast gänzlich ab. Das einzig attraktive scheint tatsächlich zu sein, dass man ein Gefühl für altes Hollywoodkino bekommt. Man fragt sich tatsächlich, wo zur Hölle Joan Crawford steckt.


„The Immigrant“ ist an vielen Stellen eine durchkomponierte Oper, die den eigenen Gefühlen im Weg steht. Selbst wenn Akzente perfekt gesprochen werden und Bilder exakt den Ton ihrer Drehbuchseiten treffen, fehlt dem Film jene Rauheit und Seele, die zum Beispiel seinen „The Yards“ auszeichneten. Ein Regisseur, der sich einer gewissen Art des Filmemachens so sehr verschrieben hat, würde vielleicht gut daran tun sich mehr vom Leben als von Opern inspirieren zu lassen. Es ist so bizarr, dass James Gray als Autorenfilmer angesehen wird, weil er doch genau so arbeitet, wie jene Regisseure, die immer gleichstrukturierte Filme ohne Persönlichkeit gedreht haben und damit erst den sogenannten Autorenfilm als Gegenbewegung auf den Plan riefen. Da hilft es auch nichts, wenn der Regisseur betont, dass es sich um einen sehr persönlichen Film gehandelt hat. „The Immigrant“ ist tolles Genrekino und jeder der hierzulande fordert, dass wieder mehr Genre in die Kinos kommt, kann sich gerne davon überzeugen wie steril das wirkt.


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