Betrachtet man die Oberfläche dieses Films, also lediglich,
was man sieht und nicht, was man denkt, dann ist er ein großes Meisterwerk der
Filmgeschichte. Der Film scheint auch genau das sein zu wollen. In großen
Bildern von vergessener 70mm Farbpracht und Tiefe beschreibt Paul Thomas
Anderson die Beziehung zwischen einem Sektenführer und einem herumirrenden
Kriegsveteran. Die Bilder sind von solcher Opulenz, das man unweigerlich an Orson
Welles oder Federico Fellini denken muss. Schwelgerisch schon fast, ausladend
verliert sich Anderson in traumhaften Kamerafahrten. Er spielt mit der
Tiefenschärfe wie es fast unüblich geworden ist im modernen Kino. Als sich der
Kriegsveteran dem Schiff des Sektenführers nähert, kommt eine dieser
berüchtigten PTA-Verfolgungsfahrten, die schon in „Boogie Nights“ oder „Magnolia“
von einer einzigartigen cineastischen Brillanz sprachen Im Zentrum des Films stehen dennoch die
Performances. Joaquin Phoenix gibt den Kriegsveteran irgendwo zwischen „I’m still
here“, Dirk Diggler und Ben Sanderson. Er bewegt sich immer am Rand der
Karikatur, beherrscht aber in entscheidenden Momenten auch die Kunst der
Zurückhaltung. Ebendies kann man auch über Philip Seymour Hofmann sagen. Er
beherrscht ohnedies sämtliche Rollen, die ihm je angeboten wurden. Amy Adams
entpuppt sich im wahrsten Sinne des Wortes mal wieder als die Überraschung des
Ensembles. Die kühle Freundlichkeit einer intriganten Ehefrau, die Kälte der
Macht in ihren Augen, sind trotz ihrer wenigen Szenen von einer großen
Eindrücklichkeit gekennzeichnet. Herausstechend wie sie aus Eifersucht bei
ihrem am Waschbecken stehenden Gatten selbst Hand anlegt. Kalt, pflichtbewusst,
brutal. Dazu pulsieren, etwas zurückhaltender als noch in „There Will Be Blood“
wieder die schrägen Töne von Jonny Greenwood und alles spricht für eine epische
Studie der Abhängigkeiten, Lügen und
schwarzen Seelen.
Bis zu einem gewissen Grad ist es das auch. In einer langen
Interviewsequenz zwischen Hoffman und Phoenix, die gleichzeitig perfektioniert
und frei wirkt, entwickelt „The Master“ eine Sogwirkung, die sich alleine in
der Beziehung zweier Menschen offenbart. Hat man sich vor kurzem „Paradies:Glaube“
von Ulrich Seidl angesehen oder „Silver Linings“ von David O.Russel wurde man Zeuge
zweier völlig konstruierter 2er-Beziehungen. Phoenix und Hoffman dagegen
bewegen sich außerhalb jeder Konstruktion, jedes Klischees. Schon in „Boogie
Nights“ erforschte Anderson eine solche Konstellation zwischen Meister und
Schüler, nur dass er sie in „The Master“ um ein vielfaches verkompliziert, denn
gibt es im erstgenannten Film einen gegenseitige Anziehung, die durch ganz
klare Ziele definiert ist (Karriere, Geld, Ruhm), so fehlen einem Charakter in
letzterem Film sämtliche Motivationen. Es ist einfach nur faszinierend ihrer
Unberechenbarkeit zuzusehen. Man erwischt sich dabei wie man überlegt, ob es
geschrieben oder improvisiert ist. Desweiteren beweist Anderson seine Stärke
beim Umgang mit dem Thema Sexualität. Er stellt das Triebhafte gegen die von
der Sekte proklamierte „Perfektion des Menschen“ und landet punktgenau in einem
Spannungsfeld, das sich vielmehr innerhalb einer einzigen Person, denn in zwei
Personen widerspiegelt. Überraschend wirken auch die surrealen Sequenzen, da
sie nicht eingeleitet werden; es kommt zu einem fließenden Übergang und dieser
assoziative Drang des Films ist es auch, der ihm entweder im Weg steht oder ihn
sogar nochmal anhebt.
Im Internet kursieren zahlreiche Fassungen des Drehbuches,
zahlreiche nicht-verwendete Szenen, die zeigen, welch ein Film „The Master“
hätte sein können. Drehbuchschwächen heißt es vielerorts. Ein Film, der sich
als großes Epos auszustellen versucht und sich dann in merkwürdig assoziativen,
zum Teil unerklärlichen Szenen verliert. Im Schnitt beziehungsweise in der
Auflösung scheint hier einiges verloren gegangen zu sein. In einer bizarren
Sequenz wird Motorrad in der Wüste gefahren; manchmal scheinen die Blicke nicht
zu den nicht-gezeigten Reaktionen zu passen. oft findet man keinen Halt in
diesem Film. Zu Recht kann man bemerken, dass man normalerweise selbst bei
Filmen, die bewusst keine Aussage treffen (was an sich sehr sehr positiv ist)
oder die bewusst schwer zugänglich sind, spürt, warum diese oder jene
Entscheidung getroffen wurde. Dies scheint bei „The Master“ völlig
auszubleiben. Warum folgen so viele Menschen diesem Mann? Was hat es mit seinem
Sohn auf sich? Warum kehrt Phoenix ihm den Rücken? Aber es gibt zwei Punkte, die all das zu
rechtfertigen scheinen.
Erstens ist es wahnsinnig mutig einen Film derart auf einer
sinnlichen Ebene funktionieren zu lassen. Schon als Anderson nach seiner
Inspiration für „Magnolia“ befragt wurde, antwortete er mit dem Beatles-Song „A
Day in the Life“. Häufig beschweren sich Betrachter seiner Filme, ob der hohen
Dichte an Emotionen, den fehlenden Verschnaufpausen. Es gibt kein Auf-und-Ab in
einem PTA-Film, es gibt ein einziges hoch, ganz ähnlich dem filmischen Schaffen
eines Scorsese in seinen Gangster-Filmen oder eines Olivier Assayas. Warum muss
sich ein Film immer darum scheren greifbar zu sein? Offensichtlich wollte
Anderson einen gewissen Freiraum behalten. Er hat ihn weggebracht von einer
Verständlichkeit und Gott bewahre von einer Aussage. Gewonnen dürften vor allem
die Schauspieler haben. Und das Kino. Denn es ist eben ein Film, der sich vor
allem über das bloße Betrachten als Meisterwerk zeigt. Über das lesen der
Bilder, die vielen Interpretationen, die man haben kann; die
Bilderassoziationen, die seit jeher für Kino stehen.
Zweitens kann man in der unzusammenhängenden Erzählweise auf
einer Meta-Ebene Parallelen zwischen der Filmstruktur und dem Schaffen des
Sektenführers erkennen. Als mystisch und unzusammenhängend wird das bezeichnet.
Als Blendwerk, das im Moment des Entstehens erst in den Kopf des Charakters kommt.
Ebenso wirkt der Film zum Teil. Als würde die wuchtige Ästhetik über einen
schwachen Inhalt hinwegtäuschen. Und genau dort könnte die Tiefe und Kraft der
Geschichte liegen. In ihrer Verbindung zur Form. Haben wir hier einen Film des
Sektenführers gesehen? Jedenfalls scheint es eine Verschmelzung von Autor und
Stoff gegeben zu haben. Daran gewinnt weniger der Zuseher, als der Regisseur
selbst. Aber das muss nicht schlecht sein; das bedarf aber auch-wie immer bei
Anderson-mehrmaligem Schauen.
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