Sonntag, 3. März 2013

If… von Lindsay Anderson



Wie herrlich und sympathisch diese Amokläufer doch sind.





Im Kino ist vieles erlaubt, ist alles möglich. Dort kann Adolf Hitler in einem Kinosaal verbrennen wie in „Inglourious Basterds“ von Quentin Tarantino, dort können die unglaublichsten Sprünge gelingen, die tiefsten Stürze überlebt werden; häufig erlaubt uns das Kino auch mit Außenseitern zu sympathisieren, die wir im normalen Leben nicht mal beachten würden; oft sogar mit Kriminellen, weil sie auch Rebellen sind und weil wir oft noch einen guten Kern hinter ihrem von der Gesellschaft als fehlerhaft abgestempelten Verhalten vermuten. Von Jean-Pierre Melville, der sich in vielen Filmen mit dem Wesen des Gangsters beschäftigte, über Martin Scorseses oder Brian de Palmas Gangsterstereotypen: Das Kino liebt seine Rebellen. Diese revolutionären Geister treibt es schon lange nicht mehr nur in dafür gemachten Genres herum; spätestens seit den 1950er Jahren besiedeln sie auch die Häuser von Kleinstadtfamilien, die Schulen oder Taxis dieser Erde. Dazu kann man sagen, dass viele Charaktere dieser Erde, wenn man sie herausgreift und genauer beleuchtet, wenn man ihnen Raum gibt sich zu entfalten auf die eine oder andere Art wie Außenseiter wirken.

 
„If…“ handelt insbesondere in der ersten halben Stunde praktisch kaum von irgendeinem Protagonisten. Die späteren Protagonisten werden lediglich kurz eingeführt. Vielmehr wird man durch kleine Episoden, die zwar immer komödiantisch überspitzt werden, (aber stets mit einer Beiläufigkeit daherkommen, die Alltäglichkeit versichert) eingeführt in das Leben einer britischen Elite-Ganztagesschule. Dabei erscheint das System der Schule einen faschistischen Hauch zu atmen, der die Schüler wie Opfer wirken lässt. Der Zuschauer verlangt nach einem Rebell, denn dieses System scheint in seiner abstrusen Selbstverklärung dem Niedergang geweiht. Würde es siegen, wäre das ungerecht. Doch bevor wir uns dem Rebell widmen, sei noch darauf hingewiesen, dass genau in jener Anfangsphase der Ungerechtigkeiten und des Alltags die Selbstverklärung des Films liegt. Und jene Selbstverklärung ist nicht negativ. Ganz im Gegenteil. Sie demonstriert die Macht des Kinos als ein bedingungsloses Spiel mit Identifikation und Distanzierung. Zunächst werden wir selbst zu Zeugen bevor wir uns dem Handelnden widmen. „Zero Dark Thirty“ von Kathryn Bigelow hat das auch gemacht, wenn auch nur auf einem schwarzen Bildschirm, der das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation zurückbringt. „Paradise Now“ von Hany Abu-Hassad macht genau das Gegenteil und erzielt damit eine ähnliche Wirkung: Da man die Folgen eines Selbstmordanschlages nicht sieht (insbesondere am Ende des Films), vermag man mit dem Attentäter zu sympathisieren. Der Film leistet deutlich mehr, verpasst aber am Ende den Zuschauer wirklich vor eine moralische Frage zu stellen, in dem er in ein romantisierendes Weiß abblendet. Genau das macht „If…“ nicht: Ist es aber ein tiefgehendes Drama, das sich als Komödie verkleidet hat und damit den Zuschauer zu täuschen vermag? Oder doch eine raue Komödie, die nur über die abwertenden Augen seines Hauptcharakters an Tiefe gewinnt? Jedenfalls ist der Film der Rebell. Es ist ein Angriff auf ein bestehendes System durch Identifikation; also durch das amerikanischste aller Stilmittel…ein Widerspruch zu den meisten Thesen des revolutionären Films.



Der Rebell ist Malcom McDowell und in diesem Film, der auch sein Debütfilm war, gelang ihm sogleich sein Durchbruch. Denn niemand geringeres als Stanley Kubrick sah seine Performance und castete ihn für sein nächstes Werk: „A Clockwork Orange“. Kein Wunder, wenn man die beiden Rollen übereinander legt, wirkt Alex DeLarge fast wie ein kostümiertes Spin-Off von  Mick Travis, dem Crusader aus „If…“. McDowell übernimmt diesen Film als ein rebellischer, aber eigentlich normaler Schüler, der vom System derart unterdrückt wird, dass er den Revolutionsgedanken jener Zeit (1968), die er so gerne liest und zitiert, bedingungslos folgen will. Als Anführer von zwei Mitschülern zettelt er allerhand Streiche und Angriffe auf die Schule an, die schließlich in einem Massaker enden. Beim Besuch des Bischofs und hoher Militärbeamter locken sie die Menschen durch ein Feuer aus der Kirche um sie draußen mit Gewehren und Granaten hinzurichten. Dabei spürt man zu keiner Zeit den Ernst einer solchen Situation, selbst heute nicht, wo man leider so viele Parallelen zu echten Fällen ziehen könnte. Woran liegt das?

A Clockwork Orange


Meiner Meinung nach gibt es drei Gründe dafür, dass sich „If…“ durch Unterhaltung und Identifikation am Zuschauer vorbeimogelt und damit subtil einen Angriff auf das System provoziert.

1.Komödie und Überspitzung

Catch 22

Anderson bedient mit „If…“ viele Aspekte einer klassischen (Teenager-)Komödie; von Zurückgebliebenen, die in die Toilette gesteckt werden über Mutproben, zu fiesen Lehrern, Gesprächen über Frauen oder gewagten Blicken hinter die Fassade der Lehrkräfte: So spielt die Frau des Direktors vor dem Schlafengehen durchaus mal auf einer Blockflöte während ihr Gatte voll Inbrunst falsch singt. Immer wieder zeichnet sich dieser Humor auch durch Absurdität aus, etwa als die drei Rebellen vorgeladen werden nachdem sie einen Lehrer tätlich angegriffen haben und sich herausstellt, dass dieser Lehrer während des Gespräches in einer Art Schublade liegt, aus der er aufs Stichwort hervorkommt und dann wieder darin zu verschwinden. An anderer Stelle macht sich ein junger Mann Gedanken über seinen Haarausfall. Inszenierte Leichtigkeit, die einen in einem Gefühl von freudsamer Unterhaltung mit britischem Humor zurücklässt und bereitwillig lachen lässt. Der Film wird nicht an irgendeinem Realitätsanspruch gemessen, sondern an seinen komischen Momenten, die natürlich auch zum Teil aus einer Arroganz der Distanz entstehen: Wir stehen da nämlich weit drüber. Selbst wenn man satirische Elemente à la „Catch-22“ von Mike Nichols im Film vermutet, muss man doch sagen, dass der Humor sehr harmlos daherkommt; in manchen Schnittsequenzen wirkt er ähnlich gewollt experimentell wie der im Hipster-Chic ertrinkende „Submarine“ von Richard Ayoade. Allerdings ist „If…“ ein deutlich tiefergehender Film, existentialistische und politische Ideen verfolgt. Doch wenn man den ganzen Film als Komödie betrachtet, wird man am Ende, wenn die Gruppe von und mit Mick Travis die Kirchenbesucher erschießt unweigerlich lachen müssen. Denn erstens wird zurückgeschossen, was schon verrückt genug ist und zweitens tummeln sich dort Männer in Rüstungen, ein sich ohne Rücksicht auf Verluste retten wollender Bischof und sämtliche überzeichnete Figuren des Establishments. Erst die allerletzte Einstellung, die Mick Travis in Wut schießen lässt, offenbart die schiere Gewalt: Aber bis es so weit ist, versteht man den Charakter schon lange zu gut, hat fast Freude an seiner Abrechnung und mag den Charakter und seine Freunde.

2.Schwarz und Weiß

Xavier Dolan
 
Und sie sind auch zu mögen. Mick Travis und seine Leidensgenossen wollen einfach leben; sie dürfen es zum Teil nicht und deshalb ist jeder Ausreißversuch von Ihnen gerne gesehen. Und McDowell hilft mit seiner zum Teil ans Publikum adressierten Spielweise, die bisweilen sehr an „A Clockwork Orange“ erinnert. Einmal klaut er ein Motorrad. Unmittelbar bevor es passiert, funkeln seine Augen auf; man weiß nie, ob er gerade lächelt oder ob er am Weltschmerz zerbricht. Ähnlich abwertend und genervt wirkt er zum Teil wie Xavier Dolan in seinen Filmen, um die Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit weiter zu strapazieren. Gleichzeitig werden die Lehrer und Vertreter des Systems allesamt als albern (wie so oft in englischen Komödien) oder bösartig portraitiert. Fehlt eigentlich nur noch, dass sie auch mit charmanten Namen wie „Twatt“ aus „The Boat That Rocked“ versehen werden. So kommt es dann am Ende zu einem Duell zwischen Gut und Böse, fast gleich einem Kriegsfilm. Und selbst in diesem größtmöglichen Angriff auf die Gesellschaft wirkt die Gesellschaft nicht wie ein Opfer, sondern wehrt sich mit allen Mitteln. Der Zuschauer wird gefragt: Auf welcher Seite stehst du? Und es fällt nicht schwer zu wählen. Schließlich hat man im Fall der Autoritäten hinter eine falsche Fassade geblickt und im Fall von Mick Travis und seinen Mitschülern hinter eine ehrliche, nach Freiheit verlangende Gruppe junger Menschen, mit denen man sich identifizieren kann. Als es in einer beeindruckenden Szene zur Bestrafung durch Schläge für ein paar Jungs kommt, zeigt die Kamera lange Zeit nichts außer jenen, die vor der Tür warten und die Geräusche der Schläge hören müssen. Mit einer beeindruckenden Geduld zeigt Anderson nicht die Folgen der Methoden anhand der Körper, sondern anhand der Psyche. Später fährt er mit der Kamera durch den Schlafraum durch die Räume der jüngeren Schüler. Und so lustig es auch ist McDowell und seinen Altersgenossen zuzusehen, muss man doch zugeben, dass die jüngeren Schüler sich lange nicht über ihre Komik definieren, aber umso mehr um ihre Unschulds- und Opferrolle.
  
3.Lyrische Momente

Lindsay Anderson ist ein Regisseur, der es vermag lyrische beziehungsweise surreale Momente in seine realistischen Szenarien zu bringen; wie schon die Spinne an der Wand oder die merkwürdig direkten Parallelmontagen, die wie Flashbacks daherkommen in „This Sporting Life“, so zeigt sich auch in „If…“ Anderson enormes Gespür für die Poesie des Alltags. Hauptsächlich lässt sich diese an der jungen Frau festmachen, die Mick Travis in einem Café kennenlernt. In Sequenzen, die auf merkwürdige Art Traum und Wirklichkeit vermischen und einen tiefer in die Psyche des Protagonisten eindringen lassen. Wenn die Frau kommt, passieren meist Dinge, die man nicht zwangsläufig der Realität zurechnen muss. Man könnte es aber trotzdem tun. Mick Travis geht zu einer Jukebox und wählt einen Song. Doch wie den ganzen Film über gibt es nur dieses chorale Kirchenlied: „Sanctum, Sanctum“ dröhnt es dann aus den Kinoboxen und die junge Frau und er nähern sich im wahrsten Sinne des Wortes wie Raubkatzen aneinander an. Raubkatzen, die Travis vorher aus Zeitschriften ausgeschnitten hatte. Ausschneiden tut er sowieso sehr gerne und dann beschießt er mit farbigen Platzpatronen die Bilder an den Wänden seines Zimmers. Rote Punkte auf den journalistischen Bildern, die an den Surrealismus im Realismus erinnern. Jacques Audiard ist ein zeitgenössischer Filmemacher, der ähnliche Mittel anwendet. In seinem „Un prophete“ vermischen sich auch immer wieder traumartige Visionen mit dem Realismus der Gefängniswelt. Dabei funktioniert „If…“ auch ähnlich „Un prophete“ im kompletten als Allegorie; das bedeutet, dass der Amoklauf am Ende abstrahiert wahrgenommen wird. Anderson bringt einen so weit, dass man nicht mehr die direkten Konsequenzen des Bildes zu verspüren vermag, sondern nur mehr für was sie stehen: Einen Angriff auf das System. Der Schuss auf den Vorsitzenden des Internats wirkt seltsam getrennt von seinen Folgen. Erst sieht man wie die Frau auf ihn schießt. Dann lässt sich der Film einige Momente Zeit, um im Gegenschuss zu zeigen, wie der Vorsitzende am Kopf getroffen wurde und blutend zu Boden geht. Und dann schießt Mick Travis eben aus allen Rohren auf das Establishment und der Film schreit Revolution und das funktioniert auch jenseits von 1968 so gut, weil es eben auch immer eine persönliche Revolution war.


Am Ende heißt es „Sanctum, Sanctum“ und man könnte sich dabei ertappt haben wie man dem Bösen in die Augen gesehen hat und lächeln musste. Gegenteilig also wie in Lynne Ramsays „We need to talk about Kevin“, der das Böse fast schon stilisiert. Aber ist „If…“ ein Film über einen Amoklauf? Es sollte ein Amoklauf auf die Selbstverherrlichung des Zusehers sein, der sich seiner Überlegenheit erfreut über fast zwei Stunden, um dann den Hass im Blick von Travis zu sehen, als er auf Menschen schießt. Anderson hat einen Film gemacht, der die Zeit deshalb so gut überlebt, weil er auf unterschiedliche Art konsumierbar ist: Als leichte Unterhaltung, als Meilenstein der Filmgeschichte, als Allegorie, als Allegorie, die sich selbst auflöst.


Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Text zu diesem grandiosen Film. Vielleicht hättest Du noch deutlicher machen können, dass nicht erst das Gemetzel am Schluss ziemlich surreal ist, sondern dass der Film in der letzten halben Stunde oder so diese Richtung nimmt. Der Mann in der Schublade hätte so ja auch in einem der Spätwerke von Bunuel vorkommen können. Aber genug gemäkelt.

    Beim Finale auf dem Dach hatte ich das deutliche Gefühl, dass es sich um ein Update von Jean Vigos ZÉRO DE CONDUITE (zu dem ich hier nebenbei ein paar Zeilen geschrieben habe) handelt. Jetzt waren andere (revolutionäre 68er) Zeiten, und die Protagonisten von Anderson sind älter als die von Vigo (den Anderson verehrte), deshalb wird das Establishment nicht mehr mit Schuhen, Büchern und Gerümpel beworfen, sondern jetzt wird geballert. Aber beides ist gleichermaßen der Realität entrückt. In der IMDb wird IF.... sogar als Remake von ZÉRO DE CONDUITE bezeichnet, aber das ist nun auch wieder übertrieben.

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  2. Danke für die Hinweise und den Link. Habe Vigos Zéro de conduite noch nicht gesehen, werde das aber baldmöglichst nachholen.

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