Samstag, 18. Januar 2014

The Wolf of Wall Street von Martin Scorsese


Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“ ist ein großartiges Stück Kino. Eine unterhaltsame Fahrt in den Irrwitz des not fucking strictly legal Brokerwesens, das zum Teil mit einer wahnsinnigen Schnittfrequenz und einer Gagdichte daherkommt, die man selten nur bei ausgemachten Komödien entdecken vermag. Unter der Oberfläche ist dieser Film eine intelligente Satire, die einem  den Rausch und den Morgen danach immer zur gleichen Zeit fühlen lässt. Basierend auf wahren Begebenheiten wird Aufstieg und Fall des Wall Street Brokers Jordan Belfort geschildert. Dabei wird die Börse von Anfang an als eine wilde Orgie profitgeiler Machos geschildert, die zwischen Drogen und Prostituierten auch Klienten konsumieren.  


Scheinbar war dieser Overload an Eindrücken zu viel für einige Zuseher und Kritiker, denn wie schon in vielen amerikanischen Medien beschwerten sich auch im Kino einige sogenannte Zuseher über die moralische Message des Films. Ihr Kritikpunkt: Das illegale Schaffen von Jordan Belfort würden vom Film verherrlicht werden und die Darstellung von Leonardo DiCaprio wäre zu sehr auf Coolness und Glamour angelegt. Dazu gibt es zwei Dinge zu sagen. Zum einen existiert ein Film primär als eigenständiges Werk. In aufgrund einer implizierten oder fehlenden Aussage, aufgrund seiner Moral zu kritisieren ist Produkt einer Kritikerwelt, die sich nicht mit Filmen sondern mit Politik und Kultur in Filmen beschäftigt. Ich bin froh, dass es diesen Zweig gibt in der Filmkritik, man verdankt ihm einige tolle und vielschichtige Texte. Aber aus künstlerischer Sicht ist das kein Kriterium für das Gelingen oder Nicht-Gelingen einer Komödie. Eine amoralische Komödie ist in sich schon moralisch. Ich versuche das in gebotener Knappheit auszuführen. Warum sollte sich der politische Diskurs, die moralische Wertung jedes Mal in die Bewertung eines Filmes schleichen? Damit der Kritiker zeigen kann, was er weiß. Wenn ich in „Goodfellas“ oder „Casino“ plötzlich ein Gangster sein wollte oder wenn ich mich mit Massenmördern und anderen Verbrechern schon identifiziert habe, dann ist das Teil des Spiels. Wenn ein Film es schafft, dass ich mich mit einem Verbrecher identifiziere, hat Film gesiegt.  Film gegen die Gesellschaft. Man kann und man wird einwerfen, dass Film aber immer ein gesellschaftliches Produkt ist. Aber womöglich kann sich ein gesellschaftlicher Diskurs gerade durch die explizite Abkehr von der Gesellschaft äußern. Offensichtlich fruchtet das ja ganz wunderbar bei „The Wolf of Wall Street“, denn der Zuseher, der auf der politischen Seite kämpft, wird viel Reibungspotenzial vorfinden. Und natürlich gibt es das berüchtigte Amokläufer-Argument: „Jetzt wollen alle Kinozuschauer illegale Broker werden.“  Ich befürchte fast, dass es andere Inspirationsquellen für ziellose Jugendliche gibt als Filme. Und selbst, wenn dem so ist, dann möchte ich gerne die Alternative kennenlernen: Die totale Zensur. 


Aber eigentlich ist diese Argumentation in Bezug auf diesen Film völlig unnötig. Martin Scorsese ist am Dokument interessiert. Das war er schon immer. Es geht ihm darum das Leben von Belfort zu zeigen. Dazu gehört der Spaß, der Irrsinn und auch eine gewisse Unschuld gegenüber dem schonungslosen Materialismus. Belfort und seine Mitarbeiter glauben daran tatsächlich. Und genau das macht der Film klar. Denn wer diesem Film eine Glorifizierung des Verbrechens vorwirft, der hat nicht zugesehen. Irgendwo zwischen Captain fucking Ahab und Moby fucking Dick erstreckt sich ein blutgefärbtes Meer aus Abgründen. Sie spielen sich in den Gesichtszügen von DiCaprio ab, sie werden mit kleinen Cut-Aways untergejubelt und sie liegen in der ständigen Übertreibung, dem Schwelgen im Exzess selbst. Wer drei Stunden Menschen dabei beobachtet wie sie Drogen nehmen, sich durch die Welt vögeln und illegal Geld machen, der wird in eine Reflektion kommen. Wenn nicht während des Films, dann dannach. Die Angst von sogenannten intellektuellen Menschen, die das ja alles durchschaut haben, ist dass das nicht jeder, vor allem der sogenannte „normale“ (fucking normal) Kinozuseher das nicht tun würde. Mit anderen Worten: Der Kinozuseher ist dumm, deswegen geben wir ihm auch unsere Sterne als Bewertung, damit er nicht lesen muss, was wir über ihn schreiben. Scorsese wirft gar einen Blick von oben auf seine Figuren. Sie werden in Albernheit zum Teil vorgeführt, es kommt zu aberwitzigen „Pineapple Express“ artigen Drogenszenen (Lieber Marty, bitte mache keine komischen Spiele mit Special Effects wie ein 15jähriger) und vor allem kommt es zum berühmten dritten Akt. Dieser mag vielleicht nicht ganz so harsch ausfallen wie man das bei Gangsterfilmen aus den 30ern gewohnt war, aber er hält sich an die Realität und er ist in seiner Krassheit durchaus ein Schlag in den Magen. Außerdem mag man dem Filmemacher durchaus zugestehen, dass ein moralisch nachdenkliches Ende durchaus zu einer erweiterten Reflektion führen kann wie dies auch in seinem „Taxi Driver“ der Fall war. Würden alle Verbrecher bestraft werden, würde man den Film womöglich gar nicht auf jene so hochgehaltene Gesellschaft beziehen, sondern ihn nur als Film wahrnehmen. Kennt diese Generation die Folgen?


Diese in allen Belangen süchtigen Menschen haben offensichtlich große Probleme. Wer das nicht gesehen hat, der hat seine Arbeit als Kritiker oder seine Arbeit als Zuseher vergessen. Die Übertreibungen und der komödiantische Stil, so liest man, seien Teil der Verharmlosungsstrategie. Meiner Meinung nach wird durch den Kontrast zwischen albernen und ernsten Szenen sogar die Wirkung der letzteren verstärkt. Eigentlich übertreibt es Scorsese fast mit seiner zynischen Bosheit, in die sich seine Gewalt aus den früheren Gangsterballaden wie „Goodfellas“ nun verkehrt hat. In mancher Zeitlupensequenz oder manchem over-fucking-acting Gesicht eines Nebendarstellers spielt sich die moralische Kritik des Filmemachers selbst zu sehr mit. Da spielen Menschen blinde Geldgier, indem sie Menschen spielen, die Geldgier spielen. 


Scorsese ist zum Komödiant geworden und er ist ein brillanter Komödiant. Das liegt auch und zu großen Teilen an seinem Hauptdarsteller. Die fucking range, die DiCaprio bedient, der Mut, den er trotz seiner Starpersönlichkeit beweist und die unantastbare Fähigkeit sich völlig in einer Person zu verlieren und dabei immer DiCaprio zu bleiben, beweisen einmal mehr seine Ausnahmestellung. In einem verlockenden Spiel könnte man den Film auch als ironischen Kommentar auf die bisherige Karriere von DiCaprio lesen, denn er wird in viele Situationen geworfen, in denen er so mehr oder weniger bereits war. „Catch me if you can“ scheint am augenscheinlichsten, da wir es hier mit einem locker-leichten Hochstapler zu tun haben, aber auch der neurotische scorseseesque „I want to fucking be the greatest“ Drang eines Howard Hughes in „The Aviator“ spielt mit rein. Selbst „The Departed“ wird mit einer Verkabelung zitiert, genauso wie DiCaprio mal wieder auf einem untergehenden Schiff zu sehen ist. Es läuft ihm der Sabber aus dem Mund wie in „What’s Eating Gilbert Grape“, er verliert komplett die Kontrolle wie in „Total Eclipse“. Ja, man kann sogar weiter gehen. Er wacht in einem Flugzeug auf wie in „Inception“, er schmeißt legendäre Partys wie in „The Great Gatsby“, er rennt durch sein eigenes Haus und streitet mit seiner Frau wie in „Revolutionary Road“, und immer so weiter. In wirklich neuen Situationen sieht man DiCaprio kaum. Aber DiCaprio ist in der Lage die fast unschuldige Rechtfertigung in den Handlungen von Belfort mitzuspielen. Dieser Mann, der einen moralischen Irrglauben in Köpfe pflanzen kann. DiCaprio spielt den politischen Diskurs eben nicht mit. Ähnliches kann man auch von einer außergewöhnlichen Performance von Jonah Hill sagen, der die „Fucking-Superbad-Generation“ an die Börse bringt. 


„The Wolf of Wall Street“ ist ein Film bei dem man sich auf jede Szene freut.  Manchmal ist er ein stupides Abfilmen möglichst krasser Szenen, die dann immer wieder dem gleichen Gesetz folgen: Die Figuren gehen sehr weit, sie gehen zu weit. Etwas passiert, sie werden zurechtgewiesen oder gestoppt. Aber es ist ihnen egal, sie lachen darüber und machen noch etwas viel heftigeres.   Im größeren Rahmen folgt Scorsese seiner geliebten Dreiteilung. Es gibt eins auslösendes Ereignis in der Kindheit, Jugend oder hier im jungen Erwachsenalter. Dann zeigt er den Aufstieg und den Rausch des Erfolgs wie auch in „Raging Bull“ oder „Goodfellas“ und schließlich drückt der Wahnsinn immer mehr gegen die Tür bis sie aufbricht und der Fall beginnt. Thelma Schoonmaker fährt ihre virtuosen Schnitte manchmal gar etwas zu virtuos. Natürlich bedient die Form hier den Inhalt, aber manchmal schlampen sie und Scorsese derart bei Übergängen, dass man sich fragt, ob sie das ernst meinen.  Aber vielleicht war auch genau das das Ziel dieser Technik, denn in außergewöhnlich abgelenkten Voice-Over Passagen manifestiert sich das Streben nach einer filmischen Folgenlosigkeit noch viel deutlicher. Viele Regisseure verlieren im Alter ihre Ecken und Kanten. Nicht Scorsese, der sie mit einem fucking drive zur Komödie am Leben erhält. Auch „The Departed“ ist streng genommen schon eine Komödie gewesen und „The Wolf of Wall Street“ fügt sich damit wunderbar ein in das Schaffen von Scorsese. Als zynisch-komödiantisches Portrait einer zeitgenössischen Generation wird der Film nur schwer zu übertreffen sein.

Kommentare:

  1. „...mit herzlichen Grüßen an viele Kritiker, die besser in katholischen Zensuranstalten der 30er Jahre aufgehoben wären.” schreibst du --- ich verstehe nicht, warum du deine Begeisterung mit der Verunglimpfung derer, die den Film kritisch sehen, flankieren musst. Zumal es wirklich gute Gründe gegen den Film gibt. WOLF ist ja nicht nur schlampig im Schnitt (und im Musikeinsatz), wie du richtig schreibst. Scorseses Desinteresse an dem politischen Rahmen der hemmungslosen Bereicherung hat mich viel mehr irritiert. Wie kann man angesichts der Finanzkrise mit Millionen Amerikanern, die um alles gebracht wurden, was sie hatten, die aus ihren Häusern vertrieben wurden ... „vergessen”, den „Spaß” in Kontext zu setzen? Scorseses frühere Filme wie GOODFELLAS oder CASINO, stilistisch direkte Vorläufer, stellen diesen Kontext her. CASINO wird beinahe zum Dokumentarfilm über weite Strecken, nur um zu zeigen, wer profitiert - und wer dafür bezahlt. GOODFELLAS wäre ohne die Opfer nicht denkbar. Zeit dafür wäre gewesen, zumal die drei Stunden vollkommen redundant sind. usw. Das nur als Andeutung.

    C

    P.S.: Die Zensuranstalten der 30er waren eher nationalsozialistisch als katholisch, würde ich sagen. Nein?

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    1. 1. Meine "Begeisterung" ist keine Euphorie. Es ist eine positive Besprechung, aber ich flankiere sie nicht mit dieser Aussage, denn ich stelle den Film ja gar nicht mit dem Diskurs gleich. Das ist ja das Problem. Der Diskurs beschäftigt sich mit politischen Interessen, die den Film nicht interessieren. Es ist also eine verallgemeindernde Kritik unter Kritikern, die Film das Recht abspricht nicht politisch zu sein. Dagegen wehrt sich der Text.

      2. Also ich spreche von Dingen wie der Legion of Decency und so weiter im amerikanischen Kontext. Ist ja auch ein amerikanischer Film. Ich kenne mich zu wenig aus, um da genaue Hintergrundströmungen zu kennen, aber in erster Linie waren das doch Katholiken?

      3. Wie würde ein in Kontext setzen denn aussehen? Ist der Kontext nicht schon darüber hergestellt, dass es diese bitterbösen Beigeschmack ständig gibt? Muss ein Film immer die Hammermoralkeule schwingen oder kann man es sich erlauben zwischen den Zeilen (und das tut er sehr wohl) Abgründe zu zeigen. Okay, er zeigt nicht, wie die "Opfer" aussehen, aber das interessiert diese Welt nicht und dort bewegt sich Scorsese. Der Schwenk durch die U-Bahn am Ende sagt doch: So viel hat sich nicht verändert. Darin liegt doch ein kritischer Kommentar. Die Opfer aus Goodfellas bringen den Zuseher also ins Grübeln? Tun sie das wirklich? Ich habe einen anderen Film gesehen.

      4. Redundant ist der Film. Und damit in seiner Form ein Kommentar des Inhalts für mich.

      Meine "Verunglimpfung" (die eine solche nur wäre, wenn ich Namen nennen würde) ist eher Äußerung einer allgemeinen Unzufriedenheit. Ich sehe nicht ein, dass es Aufgabe der Filmkritik sein soll auf ein politisches Versäumnis in einem Film aufmerksam zu machen, der offensichtlich und mit mehr als einem doppelten Augenzwinkern Amoral ausstellt. Man wirft Scorsese doch dann vor, dass er den Film gar nicht erst hätte machen sollen. Denn wenn er einen moralisch korrekten politischen Diskurs auf der Oberfläche einpflanzt, dann macht er etwas ganz anderes. Und ich bevorzuge es den Film zu kritisieren, den ich gesehen habe und nicht den, den ich mir gewünscht habe. Ich stelle trotzdem nochmal heraus, dass viele der so böse verunglimpften Kritiken durchaus ihren Wert haben, trotz ihrer Entfremdung vor dem Film. Ich verstehe sie nur eher als Kritik und nicht als Filmkritik.

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