Montag, 20. Januar 2014

Is Steve McQueen the devil?



“The worst is McQueen: he is the devil, an absolute devil, because he is making people believe he is making artistic films, and it’s bullshit.” Diese Worte hatte der letztjährige Locarno Gewinner Albert Serra in einem äußerst provokativen Interview mit dem BFI nach einer Frage zum britischen Kino für seinen Regiekollegen übrig. So willkürlich und unhaltbar die Aussage von Serra auf den ersten Blick scheint, habe ich mich dennoch immer gefragt, ob nicht das entscheidende Fünkchen Wahrheit mitschwingt. Steve McQueen war schon nach seinen beiden ersten Filmen „Hunger“ und „Shame“ ein gefeierter Regisseur in Filmkreisen. Mit „12 Years a Slave“ tritt er nun ins völlige Rampenlicht und gilt als heißer Favorit bei den Academy-Awards. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen hat sein neuer Film einen weitaus zugänglicheren, emotional nachvollziehbareren Protagonisten als seine beiden Vorgänger (das macht ihn im Endeffekt deutlich uninteressanter, aber er soll wohl vor allem als Exempel fungieren) und zum anderen hat der britische Regisseur einen Themenfilm gemacht, der auf einer wahren Geschichte basiert. Das ist wunderbar, da kann man immer so schön Betroffenheit heucheln als Zuseher. Nun ist es so, dass McQueen dafür bekannt ist Bilder von unheimlicher Intensität zu schaffen, die körperlich und transzendental zugleich sind. Er zersetzt die Körper seiner Schauspieler, geht damit bis an die Grenzen und gleichzeitig malt er in ihre Augen so etwas wie eine tiefbrennende Sehnsucht. Eine weitere große Stärke von ihm ist, dass er Schauspieler dazu bringt innerhalb einer Nahaufnahme ein Abfallen von Emotionen oder einen Wechsel zu spielen. So verkehrt sich die Lust von Fassbender in „Shame“ in Schmerz und Einsamkeit und so verkehren sich auch die Wut und der Hass von Fassbender in „12 Years a Slave“ in Angst und Leere. Ebendies gilt auch für den Protagonisten Solomon Northup, der von Chiwetel Ejiofor gespielt wird. 


McQueen erzählt die Geschichte eines Mannes, der unrechtlich vom freien Mann zum Sklaven wird und nach und nach seine Identität nicht nur vor der Welt, sondern auch-und das ist das entscheidende-vor sich selbst verliert. Furchtlos scheint McQueen seine politische Brisanz in beide Hände zu nehmen und wie eine Walze durch seinen eigenen Film zu fahren. Dabei fällt allerdings auf, dass er mindestens genauso sorgfältig wie sein Protagonist an seinen Holzblöcken sägt, um ja nichts über den Rand stehen zu lassen. Jede Szene für sich ist ein großes Theaterstück der Brutalitäten. Emotionen, Schicksal, Gewalt, Geschichte werden einem geradezu ins Gesicht gerieben. Hier bin ich, Steve McQueen, ich mache einen großen Film über ein wichtiges Thema. Ihr könnt mich nicht kritisieren, weil jede Szene hundertfünfzig Prozent gibt und das Thema sowieso nicht zu kritisieren ist…Schon in „Hunger“ und „Shame“ stand in jeder Einstellung viel auf dem Spiel, das gehört zum Kinoglauben von McQueen. Was er allerdings mit „12 Years a Slave“ völlig verloren hat, ist jegliches Empfinden für Rhythmus und Ausgewogenheit. Nach einer wilden und bizarren Exposition wirft er große Szene an große Szene und klebt sie irgendwie zusammen. Man wird erstickt im Leiden und kann nicht mehr fühlen, obwohl McQueen mit allen Mitteln versucht, dass man fühlt. Diese großen Szenen werden auch mit merkwürdig künstlichem Dialog geführt. Dieser, so kann man lesen, kommt aus der Buchvorlage selbst, welche wohl inspiriert von Herman Melville gewesen wäre. Und genau in dieser Sprache und in den zahlreichen Terence Malick Kopien, die McQueen von seiner Musik bis zu seinen Naturbilden so strapaziert, liegt der Hund oder sagen wir der Teufel begraben.
 

Denn McQueen-und das könnte Serra gemeint haben-verkauft sich und seinen Film als etwas, dass er nicht sein kann: Als ein großes Kunstwerk. „12 Years a Slave“ ist ein handwerklich perfekt gemachter Themenfilm. Hier ist ein Regisseur, der eine Art politischen Vortrag hält, der eine große Bedeutung für die amerikanische Geschichte hat. Es ist ihm ein großes Bedürfnis darüber zu sprechen und er wagt einen schonungslosen und aufrichtigen Versuch. Dabei hat er fast etwas zu viel Wut in sich, trägt zu viel in jede Szene und scheint sogar zu viel beweisen zu müssen, aber er tut es trotzdem und er findet dabei wundervolle und klare Momente, die sich zwar im größeren Zusammenhang des Films manchmal merkwürdig beißen (Ausgewogenheit), aber als einzelne Szenen einen präzisen Eindruck der historischen Verhältnisse geben. Aber McQueen mischt das mit fast elegischen künstlerischen Naturaufnahmen, mit einer Schönheit und mit einer Künstlichkeit, die seinem eigenen Unterfangen im Weg stehen. Er baut Tableaus auf und arbeitet mit einer berauschenden Soundkulisse (auch hier hat er Malick exakt studiert). Ich verurteile keineswegs die Schönheit im Verhältnis zum Thema. Das ist Schwachsinn. Ich verurteile nur die völlig unpassende Künstlichkeit und Kunsthaftigkeit inmitten eines derart straighten Themenfilms. McQueen versucht seinen Film als etwas anders zu verkaufen als er ist. 


Und viele folgen ihm auf diesen Pfad. Jonathan Romney (ein großartiger Kritiker) betont wiederholt in der Januarausgabe der Sight&Sound, dass es sich hier um einen „Artist“ handelt. Überall ist zu lesen, dass der Künstler McQueen dieses mache und der Künstler McQueen jenes mache. Doch genauso vorsichtig wie bei Menschen, die von sich aus sagen, dass sie Künstler sind, sollte man sich auch den Werken eines Mannes nähern, der Kunst mit großen Buchstaben auf seine Filme schreibt und einen industriellen Historienfilm mit der klassischen Messagebezogenheit des Blockbusterkinos verbindet, der einen ständig dazu zwingen will zu fühlen, der zwar gut darin ist etwas zu filmen, aber nicht gut darin sich zu überlegen, was er nicht filmt und der fast erschreckend exemplarische Themenszenen in seine Abarbeitung eines Themas wirft. Das Abarbeiten eines Themas ist sicherlich ein nobles Unterfangen in diesem Fall, aber es bleibt eine sehr vorgefertigte Schablone, der McQueen folgt. Und ein Film, der sich selbst immer wieder als Kunst definiert, müsste mehr Anspruch an sich selbst haben als Film, nicht nur als Thema.

Kommentare:

  1. Steve McQeen ist (Bildender)Künstler und zwar auch schon länger als er dramatische Filme macht, daran lässt sich "leider" nicht rütteln, zudem ist Filmemachen ein Kunsthandwerk. Auch für bedenklich halte ich deinen Satz: "Doch genauso vorsichtig wie bei Menschen, die von sich aus sagen, dass sie Künstler sind...", vorallem wenn du dich auf die andern beiden McQueen Filme beziehst, ist also ein Richter als Kunstwerk anzuzweifeln der in einem Museum hängt, weil er in einem Museum hängt?Mir geht es natürlich nicht um die Frage was ist Kunst und was nichtsondern darum, dass deine Kritik einfach keine handfesten Argumente enthält.
    "Ich verurteile nur die völlig unpassende Künstlichkeit und Kunsthaftigkeit inmitten eines derart straighten Themenfilms..." , wieso zB soll das es einem Themenfilm nicht gestattet sein auf seine Künstlichkeit zu verweisen?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ob Steve McQueen ein bildender Künstler ist oder nicht hat doch nichts mit seinem Filmschaffen zu tun und dem Ansehen eines Films, oder? Wenn man diesen Fakt betonen muss, dann scheint mir etwas mit seiner Filmkunst nicht zu stimmen.

      Filmemachen ist ein Kunsthandwerk, keine Frage. Die Frage ist eher, was ist ein Kunstfilm. Eine mühselige Frage, aber diese wurde ja nicht von mir aufgeworfen, sondern von Albert Serra und zahlreichen Kritikern wie unschwer aus dem Artikel hervorgeht. Für mich jedenfalls ist das Abarbeiten eines Themas, das Lenken des Zusehers und das Fehlen jeglicher Rhythmik in einem Film ein Indiz dafür, dass hier jemand einen Industriefilm (diesen bescheuerten Begriff setze ich mal gegen Kunstfilm) gemacht hat, der mir unbedingt einen Punkt darlegen möchte. Darf man das? Ja, natürlich! Entspricht es den Möglichkeiten des Mediums? Ist es ein Film, der wie man das von einem Kunstfilm im Jahr 2013 erwarten durfte, etwas auf filmsprachlicher Ebene "macht", etwas ausprobiert, reflexiv arbeitet, versucht Gefühle festzuhalten, in Momente eintaucht oder ist es einfach nur ein verfilmtes Buch? Dieser Frage habe ich mich angenähert.

      Dabei spielen Argumente keine Rolle, weil ich weder auf der Pro oder Contra Seite stehe. Ich habe beschrieben, was gut am Film ist und dann, was man kritisieren muss. Man muss diese Kritik nicht teilen. Ich habe regelrecht festgestellt, dass er nicht-wie in "Hunger" noch sehr deutlich und in "Shame" zumindest über Sequenzen-mit Montage und Bildsprache eine Aussage über den Inhalt macht. Das Abarbeiten eines Themas ist weder erstrebenswert noch in irgendeiner Form individuell, originell oder wertvoll. Es ist einfach nur ein weiterer Film, der sein wahres Wesen, seine Bilder, Töne und Momente hinter der Übermacht eines Themas versteckt, das mit jedem neuen Leiden im Film noch ein bisschen schwerer wird. Ist das kritisierbar? Ja, es geht schließlich um den Film, nicht um den Inhalt.

      Wo hängt "12 Years a Slave" im Museum? Ich hatte eher das Gefühl, dass er von diesem Museum in den amerikanischen Supermarkt gewandert ist.Da wird zwar auch Kunst gemacht, aber eben nicht jene, die McQueen in Interviews und auch in dem Versprechen, dass er mit seinen ersten Werken gegeben hat, von sich selbst verlangt. Das war der Punkt von Serra, den ich hier betont habe. Meine Meinung ist nicht so radikal, aber im Grund hat er Recht. Serra hängt aber auch im Museum.

      Löschen
  2. Und warum sollte man "vorsichtig" sein bei Menschen, die von sich aus sagen sie sind Künstler?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Weil ein "Künstler" genauso schwer definierbar ist wie "Kunst". Wenn jemand diesen Begriff für sich selbst verwendet, dann kommt mir das suspekt vor.

      Löschen
  3. Ich finde Patrick (und auch Serra) hat in gewisser Weise schon recht, mit dem was er sagt. Es lässt sich in den drei Filme von McQueen eine Tendenz erkennen, wie man sie auch bei unzähligen anderen Filmemachern beobachten kann. Sie starten mutig und fulminant mit relativ billigen Independent-Filmen, bekommen mit der Zeit mehr Budget und lassen sich dadurch zu flamboyanteren Inszenierugen hinreißen. "12 Years a Slave" sieht natürlich Klasse aus und drückt im richtigen Moment auf die Tränendrüse, technisch und handwerklich ist McQueen sicher gereift, ein besserer Filmemacher ist er dadurch aber nicht geworden. Vielmehr verzichtet er darauf das Material sprechen zu lassen, sondern spricht selbst - mit einer gewichtigen Stimme, zu eine gewichtigen Thema. Die emotionale Schlagkraft steckt nicht mehr im Film selbst, sondern wird ihm durch die Inszenierung zugetragen. In "Hunger" hat McQueen nicht wild herumgeschnitten als er den verhungernden Bobby Sands in seinem Bett filmt - Solomon Northrup am Strick wiederfährt dieses Schicksal jedoch. Dazwischen streut McQueen "künstlerische" Aufnahmen à la Malick ein, allein um zu demonstrieren was für ein toller Künstler er ist - sieht gut aus, aber im Gegensatz zu Malick fehlt McQueen die Transzedenz und die Poesie in den restlichen Bildern, womit das total aufgesetzt wirkt. Die moralische Keule und die Betonung der tollen künstlerischen Fähigkeiten überschatten somit den intrinsischen Wert der Bilder (sollten sie überhaupt einen haben).
    Kurz: McQueen macht auch nur konventionelle Filme, wie so viele andere Regisseure. Anders wird man auch nicht von der Academy nominiert (Ausnahmen bestätigen die Regel). Sieht gut aus, gefällt mir, aber als Auteur oder Filmkünstler würde ich ihn deshalb nicht bezeichnen.

    AntwortenLöschen
  4. Also ich bin absolut NICHT der Meinung(ich weiß nicht genau ob ihr mit mir da einer Meinung seid )das McQueen sowohl in Hunger als auch in Shame wahllos "künstlerische" Aufnahmen zur Betonung seiner Fähigkeiten einstreut( Malick tut das viell. oder eben nicht, aber mich interessieren seine Filme nicht, deswegen möchte ich das auch nicht bewerten). Mag sein, dass er in 12YAS so vorgeht, den habe ich noch nicht mal gesehen, auch ich fände das sehr zu bedauern.

    AntwortenLöschen
  5. Ja, in seinem neuen Film wirkt es manchmal so als würde er ziemlich wahllos Einstellungen reinwerfen. Er selbst sagt ja dazu, dass es ihm darum ginge diesen Ort so zu zeigen wie er ist, nämlich schön. Also dieses Paradox, dass die schlimmsten Verbrechen in derart malerischen Kulissen stattfinden. Ich finde den Gedanken gut, allerdings wirkt es im Film zu konstruiert. Ich denke, dass vor allem "The Thin Red Line" ein großes Vorbild war und ist in verschiedenen Aspekten von McQueens Gesamtwerk (Montage, Musik, Kamerabewegung), aber ja...Hunger und Shame wirken weniger gewollt.

    Allerdings muss ich auch sagen, dass ich nichts gegen diesen Kunstwillen an sich habe. Er wirkt nur so falsch angesichts der Themenbezogenheit und der politischen Forciertheit des restlichen Films. Würde sich McQueen auch dramaturgisch mehr der Realität oder sagen wir der räumlichen Realität im Gegensatz zur historischen Realität verschreiben, dann wäre sein bildliches Abdriften deutlich gerechtfertigter in meinen Augen. So ist da ein Hauch von zu viel Zweck in seinem Kunstwillen und genau der verhindert, dass es wirklich funktioniert. Rancière hat geschrieben, dass Kunstwille sich dann als Kunst verwirklicht, wenn der Wille ausgelöscht wird. Das finde ich vielleicht schön im Zusammenhang mit dieser ganzen Diskussion um McQueen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. So hätte ich deinen Kommentar viel lieber gelesen.
      Also ich werde ihn mir demnächst anschauen und bin gespannt ob ich deine Meinung teile!

      Löschen
  6. Also , mir ist wichtig dass du verstehst dass ich nicht deine Meinung kritisiere, wie gesagt, 12 yas habe ich nicht gesehen.

    Ich betone, dass es, da er offensichtlich als BildenederKünstler (installationen, VideoKunst!) mit regelmäßigen Ausstehlungen zb documenta usw blablabla , absolut legitim ist, ihn auch als solches zu betiteln die leser darüber zu informieren wenn man sich mit seinem werk in der Kritik auseinandersetzt(warum ist das ein problem), da verstehe ich deine Kritik
    einfach nicht!
    Die unterscheidung Kunstfilm /Industriefilm macht auch keinen Sinn, entweder man gestalltet einen Film Simpel oder eben Vielschichtig aber auch ein Industriefilm (siehe zb the counselor oder heat) kann vielschichtig, und durchdacht inszeniert und wenn sich jemand dafür entscheidet, das ist doch alles nur eine frage der stillistik, warum sollte der dann kein künstler sein, wenn jemand die möglichkeiten des mediums eben anders interpretiert wie serra , raygadas usw. Und was meinst du mit wie ein verfilmtes buch? filme sind doch meist verfilmte Bücher? Und wenn du meinst Kunst zu definieren sei so schwer, wieso mutest du dir das zu, sprichst es aber gleichzeitig anderen in deiner Kritik ab?

    Serra meint auch scheinbar alle McQueen Filme, und nicht nur den einen , und das ist absolut haltlos ,ich fand schon lustig dass du versuchst hast, dich seiner unwissenschaftlichen polemischen Provokation , wissenschaftlich anzunähern, aber da haben mir eben die Argumente gefehlt, denn du kannst seine Kritik nicht untermauern, wenn du nicht seinen Standpunkt einnimmst , er definiert sich nämlich als Künstler, bestimmt tut das McQueen auch! Mir geht es überhaupt nicht darum ob 12 yas im Museum hängt(was sollte er auch da) ( zumal dein vergleich( dein "aber") damit, das Serra im Museum hängt nicht funktioniert, weil McQueen ja auch im Museum hängt ;) ) , ich halte es nur für absolut schwachsinnig den Kunstbegriff so eng zu definieren/sich so daran aufzuhalten es geht doch viel mehr in einer Kritik darum, ob schlechte oder gute Kunst gemacht wird und nicht wer Künstler ist oder nicht. Da finde ich eben macht deine Kritik einfach keinen Sinn.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Also du kritisierst sehr wohl meine Meinung bzw. meine Argumentation. Kann man auch, der Text ist vielleicht etwas "dünn".

      1. Zum Thema Bildender Künstler: ich hätte es deutlicher formulieren müssen: In den Kritiken (z.B. Sight&Sound) wird betont, dass er einen künstlerischen Film macht, weil er eben ein Künstler ist. Es geht nicht darum, dass er als bildender Künstler arbeitet in den Kritiken, sondern darum, dass er ein Künstler im Verhältnis zu diesem Film ist. Kommt nicht raus in meinem Text. Ich entschuldige mich für die Unklarheit.

      2. Die Unterscheidung Kunstfilm/Industriefilm macht Sinn. Sie ist nur langweilig. Es gibt ein Glauben an Film jenseits eines verfilmten Buchs. Es gibt ihn. Für mich ist Film Lyrik, ist Film ein Moment, ist Film ein Gefühl. Diese Position vertritt dieser Blog seit mehr als 2 Jahren. Ich glaube, dass diese Haltung Film mehr entspricht. Reygadas, Serra und viele andere sind daher als weitaus bedeutendere Filmemacher anzusehen als McQueen. Harte Aussage, oder? Man kann ihr widersprechen, aber das führt zu nichts, weil wenn ich Film immer so allwissend betrachte und alles akzeptiere und gleich finde, dann wird mit Film nichts passieren. Ich interessiere mich für Filmemacher, die das Medium weiterbringen, die es fordern und nicht für Regisseure, die Bücher verfilmen. Ich rede dabei von Belletristik. Für mich beruft sich die Wirkung eines Filmes auch nicht auf seine Geschichte. Davon gibt es nicht so viele. Wie er sie erzählt ist interessanter. Und daher ist diese Entscheidung nicht zwischen Kunst- und Industriefilm zu treffen (ich habe selbst im text erwähnt, dass ich das nur notgedrungen mache), sondern zwischen einem Film, der einfach nur ein Film ist und einem Film, der darüber hinausgeht.

      3. Dieser Ansatz-wie du sicher bemerkt hast- ist keineswegs wissenschaftlich. Wo steht hier, dass dies ein wissenschaftlicher Blog ist? Ich interessiere mich nicht im Ansatz für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Film. Mir geht es nur um Film und Serra macht und sagt Dinge über Film, die die Kunst weiterbringen als ein möglichst neutraler Aufsatz über irgendeine Tendenz im Kino.

      4. "Haltlos" ist es nicht. Serra geht es darum, dass für ihn "Kunst" etwas ist, dass sich nicht selbst definiert, das aus Zufällen und einer gewissen Zwecklosigkeit besteht. Aus einer Abneigung gegen die dominante Filmgrammatik. Das ist seine Position. Die schreit nach Angriff und Provokation. Aber sie bringt Film weiter. Und genau das ist der Sinn darin, wenn man einen Kunstbegriff definiert. Es ist vielleicht nicht aufgeklärt-schlau, demokratisch und so weiter. Aber es bietet eine Reibungsfläche und diese soll auch dieser Text bieten. Dabei geht es nicht um Argumente.

      5. Und mit diesem ganzen Kunstgelaber hast du sicher Recht. Das ist nicht mein Ansatz und das sollte er auch nicht sein. Ich wollte keine Diskussion über "Was ist Kunst" lostreten. Wenn ich eine Kritik formuliere, muss ich aber Unterscheidungen treffen. Diese sind mir in diesem Fall ein wenig zu sehr ins Allgemeine gedriftet. Das mag an meinem Aufhänger mit Serra hängen oder an Gedanken, die mir gerade allgemeine durch den Kopf gehen.

      Aber vielleicht-und ich meine das gar nicht böse-sollte man einen Film sehen bevor man einen Text, der in der Reaktion darauf geschrieben wurde, kritisiert. Denn sonst kritisiert man oberflächliche Strukturen und bleibt in einer Indirektheit, die mich einfach nicht interessiert.

      Löschen
  7. Schöner Text. Das große Versäumnis dieses Films ist, dass er sich letztlich allen behaupteten Ambitionen zum Trotz nahezu restlos in die Passform des klassischen Opfer- und Oscardramas zwängt - man erfährt hier schlichtweg kaum etwas über die Versklavung der Afroamerikaner oder Sklaverei an sich, was man nicht ohnehin schon weiß (dass sie grausam war), nur der Intensitätsgrad ist dem Zeitgeist angepasst. Das mag als Beitrag zum historischen Diskurs seinen Grundwert haben, besonders in den USA, wo die Behauptung, dass es damals schon nicht so schlimm gewesen sei für die Schwarzen, vielerorts immer noch salonfähig ist. Aber künstlerisch gibt 12 Years für das Werk eines "echten Künstlers" wenig - nicht Nichts, aber wenig - her, was ein bloßer "Handwerker" nicht auch aus dem Drehbuch rausgeholt hätte, lässt man den Oberflächenglanz beiseite.

    Besonders ärgerlich ist für mich im Nachhinein der verbissene Fokus auf die Hauptfigur (sicher erzählungsbedingt, aber dass ist eigentlich keine Entschuldigung), auf deren Kosten fast alle anderen Sklavendarsteller zu Passionsdekor verblassen, während bei den Peinigern die Starparade defiliert. So wird systemische Massenausbeutung wieder zum isolierten Einzelschicksal und das Leid verallgemeinert. Besser zum Mitfühlen, ja, aber wenig erkenntnisfördernd.

    P.S.: "...he is the devil, an absolute devil, because he is making people believe he is making artistic films, and it’s bullshit" - kann mir im Übrigen durchaus vorstellen, dass das auch schon mal wer über Serra gesagt hat ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Kann ich alles unterschreiben!

      Albert Serra? Mr unfuckable persönlich? Come On =)

      Löschen
    2. Meine Kritik an Albert Serra ist 100%ig wahr, da ich keinerlei Anspruch auf ihre Wahrheit erhebe! So wird Kunstwillen zu Kunst gemacht!

      Löschen
  8. Du brauchts aber schon ein Dogma unter dem das läuft...sonst wird es zu willkürlich...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nicht halb so willkürlich wie Serras Methodik ;) Aber "willkürlich" heißt ja sowohl "zufällig" als auch das genaue Gegenteil davon, womit seine provokante Widersprüchlichkeit eigentlich ganz gut gefasst wäre.

      Löschen
  9. Das stimmt=) Aber es ist bullshit.

    Das interessante ist ja eigentlich-wie von dir angedeutet-dass Serra einen Bruder im Geiste angegriffen hat. Die beiden sind bezüglich ihres Hintergrunds und ihrer Methodik bzw. filmischen Argumentation ähnlich äh lautsprecherisch. Sie machen nur sehr unterschiedliche Filme. Und bei Serra kann man wohl nicht so leicht einzelne Aspekte seiner Filme kritisieren wie bei McQueen. Serra muss man wohl entweder ganz oder gar nicht kaufen. Bei McQueen wird es einem schon leichter gemacht.

    Man muss vielleicht dazu sagen, dass Rancière sagt, dass es noch weitere Aspekte geben muss, damit das dann Kunst ist, weil es sonst zu einfach kopierbar ist. Er exerziert das ja am Beispiel der Dardennes und von Dumont.

    AntwortenLöschen