Sonntag, 30. Dezember 2012

Das Kinojahr 2012



Von einem Filmblog wird am Ende des Jahres immer eine Liste verlangt. Die Top10 hier, die übersehenen Geheimtipps da, die schlechtesten Filme dort. Das kann aber immer nur eine Momentaufnahme sein, weil sich insbesondere gute Filme in ihrer Bewertung über die Jahre immer verschieben werden. Sterne oder andere Bewertungskriterien dienen hauptsächlich zur Gewinnung einer größeren „Leserschaft“. Man will nicht lesen, nur kurz wissen, ob es sich lohnt ins Kino zu gehen oder ob man sich doch einen Stream im Internet zieht.

Deshalb habe ich mich entschieden einfach 22 Momente und Augenblicke des Kinojahres aus 22 Filmen, die mich nachhaltig beeindrucken zu schildern und so eine Empfehlung für diese Filme auszugeben. Das Kinojahr 2012 war sicherlich ein gutes, vor allem für den europäischen Film. Die Reihenfolge der genannten Filme ist willkürlich

We need to talk about Kevin von Lynne Ramsay



Die ersten Minuten des Films heben jegliche zeitliche Reihenfolge gleich völlig aus den Angeln. Sofort beginnt man den Bildern zu misstrauen, den Gesichtern. In diesem Film ist alles, was schön sein sollte von Bosheit besessen. Eva ist auf einer Tomatenschlacht in Spanien. Alles ist rot, sie schließt die Augen und schwebt durch die Menge.  Es ist ein Traumbild. Ein Bild ohne kausale Beziehung zum Film, ein Stimmungsbild, das die Atmosphäre des Filmes vorwegnimmt und einen gefangen hält. Eine langsame Fahrt auf eine geöffnete Balkontür bei Nacht. Der Vorhang weht leicht im Wind. Was sich dahinter verbirgt, ist das Grauen.

Drive von Nicolas Winding Refn


Der Driver steigt mit seiner Freundin in den Aufzug. Langsam schließt sich die metallene Türe, die goldenes Licht reflektiert. Im Aufzug wirkt alles wie in Bronze gegossen, alles spielt sich in Zeitlupe ab, die Zeit scheint stillzustehen. Es steht noch ein Mann im Aufzug. Die Kamera fährt an dem Körper des Mannes herunter und offenbart, dass er eine Pistole trägt. Der Driver sieht das. Er nimmt seine Freundin, drückt sie in die Ecke und küsst sie. Das Licht verändert sich, die Freundin bekommt ein Spotlight, sie glänzt in diesem Ausbruch der Emotion. Aber es hält kaum an, da wird klar, dass es nur ein Ablenkungsmanöver des Drivers war. Oder war es seine letzte Chance auf einen Kuss?

Take Shelter von Jeff Nichols


„There is a storm coming like nothing you have ever seen.“, schreit Curtis durch den Raum bei einem Essen in der Gemeinde. Zuvor ist er den ständigen Blicken, dem äußeren Druck der Menschen erlegen, die ihn stumm beobachten und für verrückt halten. Ihn hält es nicht mehr. Er schlägt einen Freund zu Boden und wirft den Tisch um. Alle sind wie erstarrt und sehen ihm zu. Das Verrückte wird ausgestellt, der Verrückte stellt sich aus. Die Kamera wahrt Distanz. Wir fragen uns: Ist er wirklich verrückt oder sind es wir? Er fragt in die Runde, ob er verrückt ist. Dann schneidet Nichols auf seine Frau. Sie steht an der Hand mit der schockierten Tochter. Und sie nimmt ihn in die Arme.

Tabu von Miguel Gomes


Plötzlich und ohne Vorwarnung hört man die Dialoge nicht mehr. Man muss beginnen die Bilder zu lesen. Dies geschieht im Moment der steigenden Anziehung zwischen Aurora und Ventura. In der gleichen Weise, wie sie sich ineinander verlieben, verliebt man sich in die puren Bilder dieser Sequenzen. Die Lockerheit der Inszenierung, die klassische Dramaturgie, die Liebe zum Film. Gomes drückt sie ganz einfach in Bildern aus. Man lacht innerlich und weiß gleichzeitig um die Traurigkeit des Gezeigten.

Moonrise Kingdom von Wes Anderson


Die Trainingshose von Captain Sharp ist etwas zu kurz geraten. Er hat sie wohl schon sein ganzes Leben. Eine unglückliche Seele mit kindlichem und gutem Herz. Aber Captain Sharp trägt das Gesicht von Bruce Willis. Captain Sharp sitzt in einem Turm, um zu telefonieren. Seine zu kurze Trainingshose fällt im Sitzen besonders auf. „It's been proven by history: all mankind makes mistakes.“

Holy Motors von Leos Carax


Ein Kinosaal. Wie erstarrte Leichen sitzen die Zuseher in ihren Sesseln. Alles scheint zu schweben. Ein Mann blickt von oben auf diesen Saal. Dann schleicht er durch die Reihen. Unbemerkt. Zu ihm gesellt sich ein Wolf. Er pirscht sich von hinten an die Zuseher an und der Film beginnt von diesem Moment an ein Kino zu zelebrieren, in dem alles möglich und nichts erklärbar scheint. Aber alles bleibt auch interpretierbar.

Dans la maison von François Ozon


Neugier, die befriedigt werden will. Der Leser/Zuseher, der mehr wissen will. Hinter allem muss sich noch was verstecken. Claude sitzt auf den Stufen zum Wohnzimmer des Hauses eines Schulkameraden. Er hat damit begonnen eine Geschichte über die Geschehnisse im Haus zu schreiben. Die Grenzen zwischen Beobachter und Beobachteten, zwischen Fiktion und Realität beginnen zu verschwimmen. Er sieht, was er sehen will, wir hören, was wir brauchen. Eine Geschichte voller Spannung über die Geschichte der Spannung. Der voyeuristische Blick von Claude auf den Treppen ist einer von vielen dieser Art. Er bringt die Geschichte weiter. „A Suivre.“

Was bleibt von Hans-Christian Schmid


Wenn sich eine in ihre Einzelteile zerlegte Familie in einem Bad aus Lügen plötzlich für Momente nochmal finden kann, aufgrund eines Charles Aznavour-Klassikers, der spontan angestimmt wird, dann wird einem klar, dass das Leben nicht aus einheitlichen Stimmungen besteht, sondern aus Momenten. Es läuft einem eiskalt den Rücken runter in dieser Achterbahnfahrt der wechselnden Sympathien. Was bleibt ist der Verlust einer familiären Beständigkeit. 

The Dark Knight Rises von Christopher Nolan


Das Stilmittel verschiedene Situationen in Filmen häufiger zu zeigen und anders ausgehen zu lassen, um Emotionen zu erwecken ist, wie schon in Inception mit dem wiederkehrenden Bild der Kinder auch in The Dark Knight Rises in Perfektion angewandt worden. Alfred trägt die Last der ganzen Trilogie mit sich. Er steht für den Zuseher, der sich ein finales Glück für Bruce wünscht. Er hat diesen Traum, dass er eines Tages in ein Café geht, sich etwas bestellt,  den Blick hebt und dort Bruce sieht, der es geschafft hat und Batman hinter sich gelassen hat. Er soll dort mit einer Frau sitzen. Als er Bruce diese Geschichte am Anfang erzählt, sehen wir für den Bruchteil einer Sekunde einen anderen Mann dort sitzen. Später kommt Alfred wieder in das Café. Und er hebt seinen Blick.

Stillleben von Sebastian Meise

 
Eine verschlossene Scheune am Rande eines kleinen Weges. Die Tür ist verschlossen, kein Blick hinein ist möglich. Es sind die ersten Sekunden des Films und es drückt von allen Seiten, denn je länger man dieses kleine Haus betrachtet, desto schlimmer sind die Erwartungen an das, was sich dahinter verbirgt. Und dann setzt die Musik ein. „Voyage, Voyage“, und man ahnt, dass sich diese Tür im Laufe des Films noch öffnen wird.

Once Upon A Time in Anatolia von Nuri Bilge Ceylan


Eine Frau hat den exakten Tag ihres Todes vorausgesagt. Sie hat ihr Kind geboren und ist kurze Zeit später ohne erkennbaren Grund gestorben. Aber sie hatte bereits lange vorher gesagt, dass sie an diesem Tag sterben wird. Diese Episode erzählt der Staatsanwalt dem Doktor immer wieder. Sie scheint alles zu sein, was in den traurigen Augen des Beamten vor sich geht. Der Arzt schließt das aus, vermutet Selbstmord. Am Ende der Nacht, völlig entkräftet, gesteht der Staatsanwalt, das es sich um seine Frau handelte. Er steht zerbrechlich im Büro des Doktors, schwach und einsam. Er hatte sie betrogen. Und es wird klar, dass die Wahrheit manchmal besser begraben bleibt.

Tinker, Tailor, Soldier, Spy von Tomas Alfredson


In den hinter Brillengläsern versteckten Augen von George Smiley lassen sich die Geschichten eines Lebens lesen. Es sind melancholische Augen, die bereuen, was geschehen ist, die vielleicht ein ganzes Leben verabscheuen, ein Leben der Täuschung und Selbst(ent)täuschung. Es sind wachsame Augen, denen nichts entgeht, die sich ständig bedroht und gefährdet fühlen. Es sind die Augen eines verlorenen Glaubens, der Resignation, die sich überall dort einsam fühlen, wo sie eigentlich heimisch sind. Im Dunst des Zigarettenrauchs funkeln sie aber manchmal auf. Und dann entgeht ihnen nichts.

Monsieur Lazhar von Philippe Falardeau


Bachir sitzt noch spät in einem leeren Klassenzimmer und korrigiert. Er ist leer und erschöpft. Ein verlorener Mann ohne Heimat, der einer ganzen Schulklasse diese Heimat zurückgeben muss. Leise ist Musik zu hören. Sie dringt in das Klassenzimmer und wird lauter. Langsam transformieren sich die Klänge in arabische Rhythmen. Sie werden lauter und dringen bis zu Bachir vor. Er steht auf und beginnt sich dazu zu bewegen. Zum ersten Mal schimmert seine wahre Natur auf, zum ersten Mal sehen wir den ganzen Mann, der seine verborgene Heimat erleben kann. Bis er von seiner Kollegin unterbrochen wird.

Argo von Ben Affleck


In einem Feuerwerk der Parallelmontagen vollzieht sich das atemlose letzte Drittel des Films. In glasklaren Formen reduziert sich der Film in unheimlich effektiver Weise auf puren Suspense. Die als Filmcrew getarnten Botschafter müssen die Flughafenkontrollen unerkannt passieren, um das Land verlassen zu können. Allerdings wurde die Buchung storniert. Tony weiß das. Er riskiert es trotzdem. Alles hängt plötzlich an einem übermotivierten Aufnahmeleiter, der die Filmproduzenten, die den Flug rückbuchen können wegen Dreharbeiten vor ihrem Büro aufhält. Unerbittlich klingelt dort das Telefon. Und Tony steht am Schalter. „Argo fuck yourself.“

Paradies: Liebe von Ulrich Seidl


Teresa sitzt mit einer neu gewonnenen Freundin im Urlaub an der Bar ihres Hotels. Sie beginnt damit die exotische Welt der kenianischen Männer zu genießen. Sie fühlt sich begehrt und jung. Seidl zeigt die zwei Frauen von hinten, in engen Badeanzügen, die ihr Alter und ihre Fettpolster nicht verstecken. Die beiden Frauen beginnen Kontakt mit dem Barkeeper aufzunehmen. Sie machen sich über ihn lustig, sehen ihn nicht als Menschen. Sie lassen in österreichische Wörter sagen und amüsieren sich über seine Aussprache. Die sexuellen Abgründe, die Einsamkeit, die menschlichen Schwächen, Rassismus. Alles wird ausgestellt. Man weiß nur nicht, ob man lachen darf.

Jenseits der Hügel von Cristian Mungiu


Im Moment der Umarmung, der großen Nähe zweier Personen, die als blasse Farbklekse in einer grau/weißen Umgebung eingeführt werden, wird die Angst spürbar. Sie dürfen nicht gesehen werden. Es ist verboten. Trotzdem scheint die Zeit still zu stehen. Dann brettert ein Zug durch den Hintergrund und man spürt den harten Gegenwind, der einer unausgesprochenen Liebe im Weg stehen wird. Gut, dass der Dreck auf der Scheibe am Ende den Blick versperrt. Den Blick auf eine Wahrheit, die nicht nur in Anatolien besser versteckt bleibt.

Moneyball von Bennett Miller


Billy Beane sieht sich die Spiele seiner Mannschaft nicht an. Er ist abergläubisch und glaubt, dass sie verlieren, wenn er die Spiele verfolgt. Trotzdem bedeuten sie ihm alles. Immer wieder schaltet er das Radio an, um es gleich wieder auszuschalten. Einmal fährt er mit seinem Auto zu einem Spiel der zweiten Mannschaft, während sein Team ein wichtiges Spiel hat. Seine Ex-Frau und Tochter rufen ihn an. Sie gratulieren ihm zu seinem Erfolg und die Tochter bittet ihn ins Stadion zu fahren und sich das anzusehen. Billy dreht um. Als er das Stadion betritt, mit skeptischen Blick und das Match eine unerwartete Wende zu nehmen scheint, finden sich in seinem Blick Resignation, Angst und ein fehlender Selbstrespekt, die gleichzeitig der Motor dieses Mannes sind. Er verlässt das Stadion wieder.

Martha Marcy May Marlene von Sean Durkin


Am Ende blickt Martha zurück. Aus dem Auto. Ihr paranoides Gefühl der Verfolgung scheint sich zu bestätigen. Sie werden verfolgt. Ein Gefühl, das einen den ganzen Film über begleitet wird so auch über den Abspann hinaus transportiert. Der Blick zurück ist kein Blick in die Vergangenheit. Martha lebt sowieso schon dort. Es ist ein Blick der Angst vor der Gegenwart. Ein Film, der die Hoffnung auf eine Zukunft aus seinen Charakteren saugt und sich auf den Zuseher überträgt wie ein Virus. Man verlässt den Kinosaal und blickt sich um.

Amour von Michael Haneke


Ist das ein Akt der Liebe? Wie brutal ist es dann, das zu tun, was man tun muss, um jemanden wirklich von Herzen zu lieben? Nichts wird verschönt im Moment, in dem Georges das Leid seiner Frau beenden will. Er hat sich darauf vorbereitet, er hat sie darauf vorbereitet. Aber nichts bereitet den Zuschauer darauf vor. Nie war eine Erlösung schlimmer. Es sind die schnellsten Bewegungen, die Georges im ganzen Film ausführt. Aber es bleibt eine Erlösung und dieses Gefühl haftet dem Film auch an. In dieser urteilsfreien Ästhetik, diesem Respekt vor der Menschlichkeit liegt oft eine Kühle. Hier fehlt diese Kühle und das macht es umso schwerer sie zu ertragen. Der Weg zur Liebe ist ein Kampf für Georges.

Beasts of the Southern Wild von Benh Zeitlin


Die Bewohner das Bathtubs haben sich zu einem kleinen Festessen versammelt. Die Hitze des Raumes spiegelt sich in den schweißgebadeten Gesichtern und überkochenden Temperamenten. Jemand will Hushpuppy zeigen, wie sie einen Krebs mit Besteck essen kann. Der Vater sieht das und er rastet aus. Er will das nicht, er will nicht, dass seine Tochter Teil der Zivilisation wird. Er will, dass sie weiter im Bathtub bleibt. Er zeigt ihr, wie man einen Krebs ganz ohne Besteck ausnimmt. Sie tut es ihrem Vater gleich. Stolz und wild. Ihr Vater erzieht sie zu einem Sohn. Aber dieser Sohn liebt ihn. Und Hushpuppy beginnt auf den Tisch zu springen und zu schreien. Ein unschuldiges Kind. 

Shame von Steve McQueen


Es regnet Gold beim nächsten Kick, den sich Brandon holen muss, um seine Sucht nach sexueller Befriedigung beizukommen. Er hat sich zwei Frauen bestellt und treibt sich mit ihnen nahe an die Bewusstlosigkeit. Zunächst lässt man sich mit ihm fallen in die Verlockungen der golden glänzenden Frauen, der sexuellen Verführung. Doch je länger man das Gesicht von Brandon studiert, desto mehr sieht man die Abgründe hinter der Fassade. Von einer Faszination und Begierde, von Lust und Freiheit verliert dieses Gesicht seinen Ausdruck zunächst zu Anstrengung und Selbstbezogenheit, Schmerz und Traurigkeit, bis es schließlich in einem völligem Kampf verkrampft, den es nur noch verlieren kann. Und das Gold und die Frauen werden zu einer Ausweglosigkeit, die Brandon erdrücken.

Gnade von Matthias Glasner


Niels steht an der kleinen Erinnerungsstätte, dort wo seine Frau ein Kind überfahren hat. Er und seine Frau haben es niemand erzählt. Paradoxerweise haben sie dadurch wieder zu sich gefunden. Tag für Tag spielen sie dieses Spiel. Sie begegnen den Eltern des Kindes. Sie leben eine Lüge und finden dadurch zu ihrer eigenen Wahrheit. An diesem Tag kommt die Mutter des Kindes zu der Stelle. Sie kennt Niels kaum. Niels umarmt sie in seiner Verlorenheit und bekundet sein Bedauern. Alle Schuld, die er trägt wirft er ausgerechnet an die Frau, gegenüber der er die Schuld mitträgt. Er hofft auf eine Vergebung für die er noch viel weiter gehen muss.

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