Samstag, 10. November 2012

Viennale 2012: Dupa dealuri (Jenseits der Hügel) von Cristian Mungiu



Der Ultra-Sozialrealismus des aktuellen rumänischen Kinos ist um ein weiteres großes Werk reicher geworden. Mit „Jeneits der Hügel“ knüpft Cristian Mungiu nämlich dort an, woran er und seine Kollegen (u.a. Cristi Puiu oder Corneliu Porumboiu) seit einigen Jahren arbeiten: Offenlegung sozialer Strukturen und existenzielle Charakterstudien, die in einer farblosen Form wiedergegeben wären.  Dass dabei neue Höhen des Autorenfilms erreicht werden, mit regelmäßigen großen Gewinnen bei internationalen Festivals, ist der volle Verdienst einer erdrückenden Konsequenz. Der Mut zur Alltäglichkeit in Extremsituationen und das Begreifen der Tatsache, dass die erzählte Geschichte nur Teil einer größeren, meist uninteressierten Welt ist; das spielt auch in Mungius letztem Werk eine große Rolle. Nach seinem Abtreibungs-Drama „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ widmet sich sein Blick wieder der Vergangenheit. Diese Vergangenheit findet er aber in den verkrusteten Strukturen der orthodoxen Kirche. Wenn man seinen letzten eigenständigen Film schon als Abtreibungs-Drama klassifizieren muss, dann handelt es sich bei „Jenseits der Hügel“ wohl um ein Exorzismus-Drama.



Dialoge über Nichts und Gesichter über Alles. Mungiu konstruiert seine Szenen, in denen sich in der scheinbaren Banalität vor dem Publikum große menschliche Dramen abspielen. Menschen sitzen um einen Tisch und führen einen Smalltalk. Im Hintergrund sitzt die Protagonistin Voichita und man wartet, dass alles aus ihr ausbricht, man will ihr zurufen, weil man alleine glaubt sie zu sehen und zu fühlen unter all diesen schwarzgekleideten Nonnen. Aber sie fühlt sich nicht mal selbst. Voichita ist ein passiver Charakter, der eben keine innere Wandlung erfahren kann. „Jenseits der Hügel“ ist die Beschreibung eines inneren Gefängnisses, welches sich von außen manifestiert, er beschreibt das Verhängnis von falschem Glauben. Dabei wird nicht zimperlich mit der orthodoxen Kirche umgegangen, denn nicht zuletzt ist das rumänische Kino auch ein politisches Kino, ein Meinungs-Kino. Aber diese Meinung wird einem nicht aufgetragen. Stattdessen brennt sich der Druck unter dem die Charaktere leiden in langsamen, zehrenden Bildern in die Sensibilität der Zuseher. Wenn Menschen bei Mungiu lieben, dann zeigen sie das nicht, wenn Menschen trauern, dann zeigen sie das nicht. Wie lange kann man diesen Druck aushalten? Er vermischt seinen Inhalt zu einem Grad mit seiner Form, dass sie nicht mehr zu unterscheiden sind. Immer wieder erzählt er in Halbtotalen, die nah genug sind, um zu Leiden und weit genug, um zu Denken. Dann fällt Schnee und alles beginnt unter einer Decke zu liegen, dann fahren sie in die Stadt und die Schönheit des Klosters offenbart sich von einer ganz neuen Seite. Ähnlich wie in Hans-Christian Schmidts „Requiem“, welcher mit einer ähnlichen Thematik aufwartete, vollzieht sich der Weg in den Exorzismus als fehlender Ausblick in einer festgefahrenen Situation. Es ist nicht so, dass hier böse Mächte am Werk wären, sondern einfach irrgeleitete Menschen, die Gefahren nicht einschätzen können. Wenn nicht alles so gewollt wirken würde, könnte man fast darüber diskutieren, ob der Film diesen Schritt in den Exorzismus einen Moment zu lange hinauszögert. Jedenfalls liegt im Mittelteil vielleicht ein kleiner rekursiver Drang, der den Film nicht zu dem Meisterwerk macht, wie es bei „4 Monate, Wochen, 2 Tage“ noch der Fall war.



Cristian Mungiu



Anderen dagegen scheint der Fall um das Kloster einfach nur egal zu sein. Der behandelte Arzt hat keine Verwendung für seine Patientin, die nächste Ärztin macht in distanzierter, markiger Weiße darauf aufmerksam, dass alle verhaftet werden, die Polizisten unterhalten sich über Gott und die Welt in einer bemerkenswerten Schlusssequenz, die man als Antonioni-Zitat verstehen kann. Alle sind interessierte oder desinteressierte Zuseher, wie eigentlich jeder Charakter. Selbst der ausführende Priester wirkt noch passiv. Die Genauigkeit der Beobachtung lässt sogar kleinste Regungen zum Vorschein kommen. Natürlich gibt es dort auch sowas wie Humor, denn was sich abspielt, erweckt den Eindruck wirklichen Lebens (was auch immer das heißen mag); das Verhalten ist derart konstruiert, dass es jederzeit logisch wirkt, aber unmotiviert bezogen auf den Plot. Das erinnert dann sehr an Nuri Bilge Ceylans „Once Upon a Time in Anatolia“, den man einfach nicht oft genug erwähnen kann. Menschen agieren nicht zielgerichtet, sie agieren eigentlich gar nicht. So wird durch die Verweigerung klassischer Erzählformen vermieden, dass das eigentliche Klischeethema zu einem solchen verkommt. Denn neben dem Exorzismus spielt auch Homosexualität eine wichtige Rolle. Die Liebe zweier Frauen, die nur in der Luft zu schweben scheint, die jeder zu bemerken scheint und gleich wieder zu vergessen.  Dafür verwenden Mungiu und sein Kameramann Oleg Mutu eine Farbpalette von drei Farben: Blau/Schwarz/Weiß. Jeder anders gesetzte Farbton hat Bedeutung. Minimalismus, der niemals zum Selbstzweck verkommt. Das neue rumänische Kino bleibt sicherlich kein leichtes Kino, aber es ist ein Kino, das sich scheinbar ohne Bedenken in diese schweren Formen stürzen darf. Ein wichtiger Aspekt, warum dieser Stil bei Mungiu so aufgeht, ist die Wucht seiner Bilder: Nach einem Vorspann werden die Hintergrundgeräusche eines Bahnhofes langsam lauter. Fade In Handkamera Verfolgerperspektive, eine Frau kämpft sich gegen den Strom durch eine Masse an graugekleideten Menschen (hauptsächlich Männer), am Gleis trifft sie auf ihre Freundin. Sie umarmen sich lange, bis es der Frau peinlich wird. Im Hintergrund fährt unfassbar Nahe ein naher Zug vorbei. Man erschrickt fast. Kein Schnitt. Man muss es gesehen haben.


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