Samstag, 21. April 2012

Reihe Teil 10-Christoph Waltz-Inglourious Basterds


Als Letztes also nun Christoph Waltz als Col. Hans Landa in Inglourious Basterds von Quentin Tarantino.



Mehr noch, als auf die ikonische Rolle des Hans Landa einzugehen, möchte ich anhand von ihr ein Fazit ziehen, da wir mit diesem Artikel ja am Ende der Reihe angekommen sind. Landa beherbergt eine außerordentliche Bandbreite an Eigenschaften, die wir auch schon bei den anderen Charakteren feststellen konnten. Zunächst fällt auf, dass Tarantino ein Regisseur und Drehbuchautor ist, der um die Faszination dieses Charakters weiß. In einer spektakulären, The Good, the Bad and the Ugly zitierenden Sequenz führt er dieses Monster, diesen gefürchteten „Judenjäger“ ein und begnügt sich im Anschluss in einer grandiosen und außerordentlich langen Sequenz damit ihm schlicht und einfach bei der Arbeit zuzusehen. Der Charakter-so ahnen wir als Zuseher-weiß genauso viel wie wir selbst und wir stellen uns nur die Frage: Wie wird er es machen?



Dieser Mann ist

Wahnsinnig

Intelligent

Kühl

Überlegen

Arrogant

Unberechenbar



Also alles, was man von einem guten Bösewicht erwarten kann. Da sind zum einen wieder die anarchistisch anmutenden Methoden. Landa ist eben keineswegs ein strenger  Gefolgter von Hitler, sondern ein Mann, der die Zeit dazu nutzt etwas zu tun, was er sowieso gerne tut. Er ist lange nicht so anpassungsfähig, wie er selbst glaubt. Dieses Sprachengenie ist zwar in der Lage die Seiten blitzartig zu wechseln, aber er bleibt ein Außenseiter der Gesellschaft. Einzig die Angst, die er anderen Menschen einflößt und die Qualität seiner Arbeit halten ihn innerhalb des Systems. Im Endeffekt sind ihm Regeln egal, er ist nicht weit davon entfernt ein Joker zu sein. Aber er ist Profi und Zyniker, ein Individualist. Und diese Reihe ist voll von Individualisten, egal ob sie-wie Landa oder Dany Archer in Blood Diamond oder Patrick Bateman in American Psycho-eigentlich in der Lage sein sollten darüber zu reflektieren oder-wie zum Beispiel Amélie Poulain-eben aus anderen Gründen nur für sich leben. Das passt für unsere individualisierte Gesellschaft.



Wir brauchen im Kino also zynische Menschen, distanzierte Menschen, die aber Profis sind und die zur Anarchie neigen. Die aufbegehren gegen ihr feststeckendes Leben oder schon aufbegehrt haben. Landa ist ein Musterbeispiel auf diesem Gebiet. Er ist ein Mann, der mit der Geschichte gehen kann. Da er seine Rechnung ohne die Moral eines Filmes gemacht hat, wird er am Ende bestraft, aber strenggenommen könnte dieser Mann-wenn er sich seine Narbe weglasern lässt-bis heute immer wieder in unterschiedlichsten Staatsformen eingesetzt werden. Alle Charaktere dieser Reihe leben in verschiedenen Zeiten. Entweder in der falschen Zeit oder eben zeitlos. Völlig egal im Bezug auf die Faszination eines Charakters ist seine Motivation. Angedeutete, existenzielle Triebe oder eben gerade deren Verweigerung funktionieren heute weit besser. Das Kino war eine lange Zeit lang überfüllt mit Psychologie und im „anspruchsvolleren“ Teil Hollywoods und auch sonst überall hat man das heute auch verstanden und schickt die Psychologen zu den mehr als erfolgreichen TV-Serien, wo man mehr Zeit hat Ambivalenzen aufzubauen, wo der Zuschauer mehr Zeit hat diese zu verdauen. Kino tendiert mehr zum Moment, als zum Vergangenen (leider ist dem oft genug nicht so). Das hat gutes Kino schon immer getan, nur ist auffällig, dass das nun auch langsam beim Publikum akzeptiert wird, ohne dass ständig gefragt wird: „Warum macht er das jetzt?“ Allerdings muss man auch sagen, dass das nur bei faszinierenden Charakteren funktioniert, also nur wenn der Charakter als eigenständig betrachtet wird und nicht als Teil des Plots. Vom im Kopf des Betrachters verfassten, psychologischen Gutachten bis zur einfachen Erklärung „Der ist halt verrückt.“, ist es dann immer dem Zuseher freigestellt sich die Handlungen selbst zu erklären.



Die Verweigerung der Psychologisierung funktioniert über einen ganz einfachen Trick: Die Charaktere werden ins Comichafte gezogen, sind alle leicht oder stark überzeichnet. Haben sich selbst Comicverfilmungen vom comichaften gelöst und wird von vielen Actionfilmen heute eine realistische Tendenz abverlangt, akzeptieren wir scheinbar mühelos eine comichafte Charakterzeichnung, sowohl dramaturgisch, als auch im Schauspiel oder in Maske und Kostüm.  Wir lieben Extravaganzen im Kino. Und je weiter sich die Charaktere so von der Realität entfernen, desto mehr Kultpotenzial beherbergen sie. Jahre nach Al Pacinos großen Wutausbrüchen sitzen wir immer noch und warten auf die großen Emotionen und Reden, die aus den Filmhelden hervorsprudeln. Das scheinen auch die Charaktere zu wissen und die Filmemacher und sie spielen mit der Unterdrückung der wahren Gefühle: Natalie Portman in Black Swan, Bill Murray in Lost in Translation oder Edward Norton in The Score. Sie alle haben etwas ins ich vergraben, dass nur darauf wartet herauszukommen. Hans Landa begräbt seine Gewalt unter seiner Etikette und seinem Stil, seiner Arroganz und gewählten Ausdrucksweiße. Waltz spielt diese Unterdrückung auf geniale Weiße mit, das Funkeln in seinen Augen verrät ihm beim Zuseher, der so fast gezwungen wird mitzugehen, wenn es endlich aus ihm bricht. Es ist ein Warten auf Authentizität. Tarantino ist selbst derart begeistert von diesem Spiel mit Unterdrücken und Ausbruch, dass er es ständig wiederholt. Er geht sogar so weit, es an einem Kulminationspunkt der Unterdrückung sowohl auf Landa, als auch auf seinen Gegenpart anzuwenden. Wenn der Judenjäger mit der französischen Kinobesitzerin bei einem Apfelstrudel sitzt, haben beide strenggenommen dasselbe Gefühl  und keiner darf es ausleben. Sozusagen eine versteckte Liebesszene. Tarantino betrachtet dieses Spiel auch immer wieder mit Humor. Zum Beispiel als August Diehl im Keller mit den Basterds „Was bin Ich?“ spielt. Hier geht es nämlich nicht nur, um einen billigen Trick mit der Erwartung des Zusehers zu spielen, sondern hier geht es um uns selbst.




Ins Kino geht man aus unterschiedlichen Gründen, aber wenn man etwas auf der Leinwand sieht, dann will man dazu eine Verbindung aufstellen können. Bei den ausgewählten Charakteren dieser Reihe funktioniert diese Verbindung über ein scheinbares Geheimnis, dass  darin besteht, das die Charaktere etwas in sich haben, das wir als streng persönlich empfinden, aber so nicht kommunizieren würden. Sie tragen alle eine Unzufriedenheit mit sich herum, einen Individualismus (man könnte es Einsamkeit nennen), den wir nur zu gut kennen und den wir nur zu gerne, als unseren eigenen bezeichnen. Und diese Leinwandpersonen wehren sich jetzt dagegen, brechen aus diesen Grenzen und darin liegt für uns die Befreiung. Das Kino verschleiert also nur seine Heldenfiguren von früher, indem es sie distanzierter und aufgeklärter erscheinen lässt, aber am Ende geht es immer noch darum, dass man Dinge tut und wagt, die man sich im echten Leben oft nicht traut. 



Man könnte also sagen, dass Kino spielt die große, versteckte Realitätsflucht und was könnte da besser passen, als ein Filmemacher, der verstanden hat, dass man mit einem Film Geschichte umschreiben kann und der seine Charaktere so liebt, dass es eine Freude ist mit ihm diese Reihe zu beenden. Betonen möchte ich nur noch, dass es sich bei den zehn vorgestellten Figuren eben keineswegs um besonders tolle Charaktere handelt, sondern um Charaktere, die es schaffen sowohl beim Mainstream-Publikum, als auch in kinoaffineren Kreisen Begeisterung und Freude am Kino auszulösen, die schon damit anfangen kann sich Zitate zu merken, ein Poster an die Wand zu hängen oder einfach nur mit diesem kleinen Gefühl der Vorfreude während man den Film betrachtet: „Jetzt kommt gleich die Szene mit…“




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